Redaktion Halle-Nord

35.000 Grabstellen, 5.000 Bäume, 58 Brunnen

Französischer Soldat wurde 1914 als erster auf Halles Gertraudenfriedhof bestattet

Als sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts im Zuge der industriellen Revolution die Stadt Halle rasant vergrößerte, stieg auch die Bevölkerung sprunghaft an. Damit reichten die alten Begräbnismöglichkeiten (Stadtgottesacker und einige kleinere Friedhöfe) nicht mehr aus. So waren bereits mit dem Nordfriedhof (1851) und dem Südfriedhof (1887) zwei große städtische Friedhöfe eingerichtet worden.

Doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde eine neue, große Friedhofsanlage benötigt. In den Jahren 1912 bis 1914 entstand der Gertraudenfriedhof als großzügige Begräbnis- und Parkanlage nach den Plänen des halleschen Stadtbaurates Wilhelm Jost. Namenspatronin des neuen Friedhofs am Rande der Stadt war St. Gertrud – angelehnt an den einstigen innerstädtischen Friedhof der Pfarrkirche St. Gertruden, der dem Neubau der Marktkirche (1529-1554) zum Opfer fiel. Als erster wurde am 10. September 1914 ein französischer Soldat auf dem neuen Gertraudenfriedhof bestattet. Heute gibt es auf dem 37 Hektar großen Friedhof rund 35.000 Grabstellen.

Plastik „Endlose Straße“ von Richard Horn auf dem Gertraudenfriedhof. (Foto: Manfred Orlick)
Plastik „Endlose Straße“ von Richard Horn auf dem Gertraudenfriedhof. (Foto: Manfred Orlick)

Gestalterischer Mittelpunkt des Friedhofs ist die imposante kuppelbekrönte Feierhalle mit Krematorium und einem Vorhof, der von einem Säulengang umfasst wird. Diese Freifläche wird durch eine große Freitreppe, zwei Malsäulen (Gedenksäulen)und ein großes Wasserbassin bestimmt. Die Gebäude sind ein viel beachtetes Beispiel für die großstädtische Friedhofsarchitektur in Deutschland im frühen 20. Jahrhundert. Kunsthistorisch beachtenswert sind die Kuppelfresken und der Engelzyklus des halleschen Künstlers Karl Völker. Der dekorative Bauschmuck an der Fassade und im Inneren stammt von den beiden Bildhauern Paul und Richard Horn. Mit der Plastik „Endlose Straße“ (ebenfalls von Richard Horn) besitzt der Friedhof sogar ein künstlerisches Mahnmal. Die 20 Figuren erinnern an die unterschiedlichen menschlichen Schicksale – vom Bombenopfer bis zum Selbstmörder. In unmittelbarer Nähe liegt das hallesche Original Reinhold Lohse – besser bekannt als Zither-Reinhold – begraben.

Der Gertraudenfriedhof besticht vor allem durch seine gartenkünstlerisch großzügige Anlage. So befinden sich knapp 5.000 Bäume auf dem Gelände und 58 kunstvolle Brunnen bilden reizvolle Blickfänge an den Kreuzungspunkten der Wege und Baumalleen. Damit strahlt die ganze Anlage in den Sommermonaten ein gewisses italienisches Flair aus. Außerdem gibt es zahlreiche Gedenkstätten für die Gefallenen des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die Bombenopfer der Stadt, die sowjetischen Kriegsgefallenen sowie die ausländischen Opfer.

Ebenfalls zum Areal des Gertraudenfriedhofs gehört ein jüdischer Friedhof, dessen expressionistische Feierhalle (1929) durch ihre Schönheit und Originalität einst deutschlandweit Beachtung fand. Mit dem Nationalsozialismus musste jedoch das als jüdisch erkennbare Gebäude „optisch neutralisiert“ werden. Während des Zweiten Weltkrieges (vom Mai 1942 bis Februar 1945) gingen unter anderem von hier die Deportationen der halleschen Juden in die Vernichtungslager aus. Wie kein anderes Gebäude in Halle, das sich heute in einem maroden Zustand befindet, erinnert diese Trauerhalle an die Demütigung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Menschen – darunter waren auch viele Kinder.