Alter schützt vor Frohsinn nicht

Seniorenkabarett verpasst nicht nur Älteren seit zehn Jahren per Humor „Frischzellen“-Kuren

Hier wird alles – und jeder – schonungslos durch den Kakao gezogen: ob Freundschaften fördernde DDR-Mangelwirtschaft, das bisschen Haushalt, das sich von allein macht, im Fernsehen wuchernde Küchenshows, wirklichkeitsferne politische Entgleisungen, sinnentleerte Gesundheitsreformen, kleine und große Alters-Zipperlein oder das vermeintlich starke versus das angeblich schwache Geschlecht. Bei den Sketchen des Seniorenkabaretts „Die Frischzellen“ bleibt kein Auge trocken, kein Fettnäpfchen unbetreten, die Lachmuskeln werden kräftig durchgeknetet. Und das hält ja bekanntlich die Gesichtshaut schön straff.

Kennen Sie den? Sie zu ihm: „Denk dir, in der Küche passieren die meisten Unfälle!“ Er, seufzend: „Ja, und ich muss sie dann essen.“ Oder den? Sie: „Wie nennt man einen gut aussehenden, intelligenten und sensiblen Mann?“ Antwort ihrer Freundin im tiefsten Brustton der Überzeugung: „Ein Gerücht.“
Ein bisschen fies sind sie manchmal schon, die sieben Damen und zwei Herren des über die Saalestadt hinaus bekannten Seniorenkabaretts „Die Frischzellen“, denen „Treffpunkt Stadtteil“ bei den aktuellen Proben mal über die Schulter und ins Nähkästchen geschaut hat. Hin und wieder bleibt einem tatsächlich das Lachen leicht im Halse stecken; nämlich dann, wenn man sich in den zotigen Gags selbst wiedererkennt. Aber das süffisante Mundwinkel-Nach-Schräg-Oben-Ziehen gilt ja bekanntlich als heilsamste Medizin gegen allerlei Selbstzweifel. Und ein bisschen Selbstironie kann der Persönlichkeitsentwicklung wohl auch nicht schaden.

„Torheit schützt vor Alter nicht“, „Letztes Jahr war immer besser“ und „Von hinten durch die kalte Küche“ – das sind die drei Programme, deren originelle Texte in den vergangenen zehn Jahren vornehmlich der Feder des Kabarettmitglieds Volker Wein und seiner Gattin Margarete entströmten – beide studierte Germanisten. Volker Wein gehört mit Brigitte Hensel zum Urgestein der „Frischzellen“. Schon beim Vorläufer – damals noch den „Oldies“ – standen sie 1993 auf den Brettern, die die kabarettistische Welt bedeuten. Künstlerische Vorbilder sind dabei ganz Große ihres Faches wie Dieter Hildebrandt, Heinz Erhardt, Karl Valentin oder Loriot. Ein viertes Programm ist gerade im zarten, schöpferischen Entstehen. Sein Arbeitstitel: „Alte Liebe kostet nichts“. Mal von den horrenden Potenzmittelkosten abgesehen…

Eine ganze Menge Lebenserfahrung ist schon von Vorteil, um so manche Anspielung der reifen Mimen mit Humor zu verstehen. Auch, weil alte Sprüche sowie beliebte Schlager und Gassenhauer immer wieder in den Sketchen verarbeitet werden. Die Truppe wird seit vielen Jahren von Bettina Saliger musikalisch begleitet. Allerdings sind die Themen nicht unbedingt nur etwas für Ältere, denn da wird dem modernen, heutigen Leben angepasst, was das Zeug hält; Oldies erhalten einen neuen inhaltlichen Anstrich. Und selbst die hipsten Hipster sollen ja mitunter heimlich nachts unter der Bettdecke Schlager hören.

Zu den gemeinsamen Proben für ihre Auftritte treffen sich die Lachspezialisten jeden Dienstag von 10 bis 12 Uhr im Familienzentrum „Schöpf-Kelle“ auf der Silberhöhe (Hanoier Straße 70). Keiner darf da je fehlen, sonst kommt das ganze Szenarium durcheinander. Und überhaupt muss eigentlich jeder jeden Part beherrschen – falls doch mal jemand ausfällt. Nur in der Sommerpause darf offiziell „geschwänzt“ werden. In dieser Zeit bekommen die meisten Mitglieder (das jüngste 59, das älteste 77 Jahre jung) jedoch irgendwann „Frischzellen“-Entzug. Eine wirklich wirksame Ersatzdroge hat leider noch niemand erfunden; man muss da einfach jedes Mal mit allen furchtbar unangenehmen Symptomen bis zum Saisonbeginn im September durch.

Eine feste Spielstätte haben die „Frischzellen“ nicht. Sie treten in Begegnungsstätten von Wohnungsgenossenschaften oder Vereinen, in Seniorenheimen oder bei privaten Feiern auf – die Bühne plus alle Requisiten immer mit am Mann beziehungsweise an der Frau. Und: Wie steht’s mit Lampenfieber? Daran krankten auch die Senioren nach 25 Jahren Auftrittserfahrung noch, sind alle einstimmig ehrlich. Das werde sich wohl auch nie ändern. Als Ausgleich dafür gibt es devote Groupies zu Hauf, die einem selbst nach der Vorstellung noch bis zum Auto hinterherlaufen.

Kabarett-Novizen sind übrigens immer bei den „Frischzellen“ herzlich willkommen. Diese müssen auch nicht so alt wie Methusalem sein. Und wenn man mit über 90 dann doch mal beim Vortragen seines Textes die ersten Anzeichen von Alzheimer bemerkt (oder auch nicht), dann gibt es zumindest einen kleinen Trost: Man lernt jeden Tag neue Leute kennen…