Zeitpaten-Verein betreut seit 2015 geflüchtete Menschen in der Luthergemeinde

Betritt man an einem Montagnachmittag in ein Gespräch vertieft den kleinen Saal der Luthergemeinde, erscheint er zunächst menschenleer, denn es ist mucksmäuschenstill. Wendet man jedoch den Blick, so kann man konzentrierte Gesichter und emsig schreibende Hände beobachten. Mal hier, mal dort sind geflüsterte Fragen hörbar, die ebenso gedämpft beantwortet werden. Keiner möchte die anderen beim Lernen stören.

Bärbel Boßmann unterstützt seit zwei Jahren die ökumenische Zeitpaten-Initiative. Hier mit ihrem Schützling, der 19-jährigen Sara Tajik aus dem Iran.	(Foto: Gabriele Bräunig)An mehreren herbstlich geschmückten Tischen sitzen Hallenser, die Flüchtlingen aus Syrien, dem Iran oder Irak geduldig beim Aneignen der deutschen Sprache oder bei den Hausaufgaben helfen: Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Doch dann wird der Besucher wahrgenommen und mit freundlichem Lächeln begrüßt.

Ein Pate ist eine Person, die sich ein Leben lang für einen anderen Menschen verantwortlich fühlt, immer wieder etwas Sinnvolles für ihn tut, so dass es ihm gut geht und er gedeihen kann. Die Zeitpaten sind ein ehrenamtliches ökumenisches Projekt von evangelischer Luthergemeinde (Damaschkestraße 100a) und katholischer Gemeinde „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“ (Lauchstädter Straße 14b) im Rahmen der Flüchtlingshilfe. Als im Sommer 2015 viele Menschen vor allem aus dem Nahen und Mittleren Osten auch nach Halle kamen, besann sich die damalige Pfarrerin der Luther-Gemeinde, Mechthild Lattorff, nicht lange und handelte dem Selbstverständnis des christlichen Glaubens entsprechend unter dem Motto: „Ich war fremd gewesen und ihr habt mich aufgenommen!“ (Matthäusevangelium, Kapitel 25,35). Zahlreiche Frauen und Männer, hauptsächlich aus Halles Süden, unterstützten sogleich ihr Anliegen, halfen – neben eigenen privaten und beruflichen Aufgaben – rund 80 Flüchtlingen bei der Bewältigung ihres nun völlig neuartigen Alltags.

Freud und Leid lagen zu dieser Zeit sehr nah beieinander. Denn, so Mechthild Lattorff, die Menschen hätten einen langen Leidensweg hinter sich gehabt, seien traumatisiert gewesen, zudem sehr erschöpft, viele von ihnen körperlich und seelisch krank. Die ehrenamtlichen Helfer besorgten erst einmal, was zum Leben nötig war, begleiteten die Menschen bei der Wohnungssuche, zu Behörden, beim Einkaufen oder zum Arzt. Und bereits im selben Jahr wurde ein schönes Begegnungsfest vor der Flüchtlingsunterkunft im Robinienweg organisiert. Besonders die Kinder hatten hier die erste Gelegenheit, mal wieder unbeschwert einen Tag zu genießen. Die große Dankbarkeit, die sich damals in strahlenden Gesichtern, erkenntlichen Blicken und dem einen oder anderen festen Händedruck der gerade Angekommenen widerspiegelten, sei auch heute noch bei jedem Treffen der rund 20 Zeitpaten mit ihren Schützlingen zu spüren, betont die Domnitzerin, seit April 2017 Vorsitzende des Vereins Ökumenische Initiative Zeitpaten. Denn als abzusehen war, dass die Pfarrerin in dem Jahr in die Altersteilzeit wechseln würde, lag es ihr sehr am Herzen, dass die Initiative bis dahin inhaltlich wie finanziell auf fundierten Füßen steht. Auch ihre Tochter Henriette engagiert sich stark im Projekt, ist die Koordinatorin des Vereins.

Psychologie-Studentin Leonie Kannenberg hilft dem neunjährigen Amir Tajik bei den Hausaufgaben. Bruder Naser ist immer in seiner Nähe.	(Foto: Gabriele Bräunig)Teilweise kommen die Menschen aus Syrien, dem Irak und Iran nun bereits seit 2015 jeden Montag, Mittwoch und Freitag zwischen 15 und 17 Uhr in die Luthergemeinde. So wie die Familie Tajik aus dem Iran. Hier festigen sie, begleitend zu ihren Deutsch-Kursen, ihre Sprachkenntnisse. Die Kinder werden bei den Hausaufgaben unterstützt, die Jugendlichen bei der Vorbereitung auf Schulabschluss, Ausbildung oder Studium. Die Jüngeren sprechen fast fließend deutsch. Alle wollten sich bestmöglich integrieren, ist sich Frau Lattorff sicher. Denn das ist Anliegen und Ziel des Vereins: Hilfe zur Integration geflüchteter Menschen und Migranten zu leisten sowie Begegnungsmöglichkeiten von Alt- und Neuhallensern zum Abbau von Ängsten und Vorurteilen zu schaffen. „Wer das nicht wirklich will oder wer Stress macht, dem muss man auch ganz deutlich sagen, dass er hier falsch ist“, stellt die Vereinsvorsitzende unumwunden klar.

In diesem Jahr fand inzwischen das vierte Begegnungsfest der Zeitpaten statt. Und seit 2015 sind etliche Freundschaften zwischen den Einheimischen und Zugezogenen entstanden. Gemeinsam werden beispielsweise Ausflüge in die nähere Umgebung unternommen, Konzerte oder der Zoo besucht. Und noch immer gewähren die Zeitpaten Alltagsunterstützung, falls es nötig ist. Aktuelle Pläne für ein neues Projekt sind auch schon in der Umsetzung. Seit November wird ein interreligiöser Frauentreff im Vereinsraum in der Großen Steinstraße aufgebaut. Hoffnung setzen die Ehrenamtlichen darüber hinaus in das so genannte ASQ-Modul International Engagiert Studiert zwischen der Freiwilligen-Agentur und der Martin-Luther-Universität, das es Studierenden aus aller Welt ermöglicht, sich in soziale Projekte hallescher Vereine einzubringen. Ein guter Partner ist seit 2015 ebenfalls die Stadt mit ihrer Flüchtlingskoordinationsstelle.

Die Gemeinden Luther sowie „Zur Heiligsten Dreieinigkeit“ sind dankbar für jede Unterstützung durch die hallesche Bevölkerung. Weitere Helfer sind stets herzlich willkommen, gern auch mehr Männer. „Zeit ist das Wertvollste, das man hat“, weiß Mechthild Lattorff. „Es ist schön, Hilfe zu erhalten; aber jeder kann bei uns selbst entscheiden, wie viel Zeit er als Pate für geflüchtete Menschen aufbringt.“ Dazu seien keine besonderen Voraussetzungen nötig, außer Geduld und Toleranz. Man kann dem Projekt übrigens ebenfalls mit Geld- oder Sachspenden dienlich sein.

Kontakt: Henriette Lattorff (Mobil: 0160/94696292; E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen