Erstes Hallesches Bandonionorchester begeht nächstes Jahr 120. Jubiläum

Welches Instrument dominiert unendlich sanft und zugleich kraftvoll fordernd den wohl leidenschaftlichsten Tanz der Welt, den argentinischen Tango? Natürlich, das Bandonion (heute Bandoneon)! Schon Anfang des 20. Jahrhunderts verführte es, vermutlich durch europäische Einwanderer verbreitet, auf den Tanzflächen der Hafenkneipen von Buenos Aires zu sinnlich-aufreizendem Reigen zwischen Mann und Frau.

Das Erste Hallesche Bandonionorchester bei einer Probe in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität 1990 im Böllberger Weg.	(Foto: Gabriele Bräunig)Wer hat‘s erfunden? Die Deutschen. Denn um 1840 wandelte der Krefelder Musiklehrer Heinrich Band die Konzertina von Carl Friedrich Uhlig aus Chemnitz entsprechend seinen Vorstellungen zum Bandonion ab. So verzauberte diese Harmonika bereits 1899 auch die Saalestädter. Das Erste Hallesche Bandonionorchester begeht im kommenden Jahr sein nunmehr 120. Jubiläum. Damit ist der Klangkörper nach eigenen Angaben das älteste reine Bandonionorchester der Welt.

Die Mitglieder des Bandonionorchesters auf einer Aufnahme von 1900.                                     (Foto: Archiv)14 Bandonionspieler haben sich am 18. März 1899 zusammengefunden, um sich und anderen Leuten Freude zu machen. So beginnt die Chronik des Orchesters. Als Verein Erster Hallischer Bandonionclub gegründet, traten dessen Mitglieder, die vorwiegend aus der halleschen Arbeiterschaft stammten, bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges unter anderem bei Konzerten in der einstigen Zoo-Gaststätte sowie zu geselligen Abenden auf. Dort brachten sie ihrem geneigten Publikum die damals beliebten Märsche, Charakterstücke, Konzertwalzer und Potpourries, aber ebenso Ouvertüren zu Gehör. Da dies offensichtlich sehr gut ankam, fanden sich in den Folgejahren noch weitere fünf Bandonionorchester in Halle zusammen: Edelweiß, Tannhäuser, Lyra, Gut Ton und Harmonie. Viele von ihnen sammelten sich zeitweilig unter dem Dach der Orchestervereinigung Ideal.

Einer der ersten Auftritte des Bandonionorchesters nach dem Zweiten Weltkrieg in Halle.       (Foto: Archiv)Nach dem Ersten Weltkrieg war das Erste Hallesche Bandionionorchester das mitgliedersstärkste in Halle. Zahlreiche Spieler kamen auch aus den Vororten hinzu. So war beispielsweise Paul Drobe aus Diemitz, der Großvater des aktuell 14. Orchesterleiters Wilfried Thurm, von 1916 bis 1972 hier Musiker. Durch den Zweiten Weltkrieg ging die Zahl der halleschen Bandonionspieler drastisch zurück. Nach 1945 brachten die Bandonionisten – zumeist gegen Verpflegung – hauptsächlich in Krankenhäusern und Pflegeheimen wie auch auf öffentlichen Plätzen durch fröhliche Weisen Optimismus unters Volk. Das erste Konzert erfreute zu Weihnachten 1949 zahlreiche Hallenser. In den 1950er bis 1980er Jahren komponierte das Orchester sogar selbst Stücke, die bis heute zur Aufführung gebracht werden.

An die wichtige Nachwuchsarbeit dachte man schon zeitig, denn 1950 wurde eine Kindergruppe ins Leben gerufen. Wilfried Thurm war in dieser Gruppe. Christel Kieselbach und viele ihrer Geschwister haben später hier das Bandonionspielen erlernt und sind dem Instrument bis heute treu geblieben. Sie bildete gemeinsam mit Günter Wölfer in den Folgejahren unzählige Jugendliche am Bandonion aus, zum Beispiel ihren Bruder Siegbert und ihren Sohn Thomas.

Das waren die Mitglieder des Bandonionorchesters 1984. Einige von ihnen sind heute noch dabei.		(Foto: Archiv)Bis zum Beginn der 1990er Jahre war das Erste Hallesche Bandonionorchester, das zu DDR-Zeiten nicht als Verein auftreten durfte, in der so genannten Volksbühne, dann in der Volksmusikschule und später im Klubhaus der Gewerkschaften organisiert. Begehrt waren die Musiker besonders im Klubhaus selbst, aber auch bei Betriebsfesten und in gewerkschaftlichen Ferienheimen. Dreimal bekamen sie die Auszeichnung „hervorragendes Volkskunstkollektiv“ verliehen. Wilfried Thurm lobt die einst ausgezeichnete künstlerische wie finanzielle Unterstützung der Volkskunstkollektive. Im Jahr 1992 fanden die Musiker nach schwierigen Zeiten dann freundliche Aufnahme beim Volkssolidarität 1990 e.V. als Kulturgruppe. Zurzeit spielen im Orchester fünf Bandonionspieler. Eine Rhythmusgruppe, bestehend aus einem Bassgitarristen, einem Rhythmusgitarristen sowie einem Schlagzeuger, rundet das Spiel der Harmonikas ab, ist laut Orchesterleiter das unentbehrliche „Salz in der Suppe“. Der Älteste der Gruppe, der 93-jährige Otto Beige, wirkt dabei an seinem Drum immer noch wie ein Vollblutkünstler in seinen besten 60ern.

Was fasziniert die Musiker so sehr an dem fast 200 Jahre alten Bandonion? „Es ist der Klang und die Vielseitigkeit des Instruments“, schwärmt Wilfried Thurm. Er erläutert, dass es, im Gegensatz zu anderen Harmonikas, wechseltönig sei und einen vollen, ausdrucksstarken Klang habe. Das Klappern der Knöpfe und Luftgeräusche beim Spielen würden hier nicht als Fehler angesehen, sondern als Besonderheiten bevorzugt. Das Repertoire des Ersten Halleschen Bandonionorchesters reicht heute von klassischer Musik, wie beispielsweise Bach-, Händel-, Brahms- und Tartinistücken, über Polka, Walzer und Märsche bis hin zu Beat und Swing. Und auch vor dem lange gemiedenen Tango fürchten sich die Bandonionisten seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Arrangements von Berufsmusiker Burkhard Stettinius werden von Annette Thomä aufbereitet. Einstudiert werden die Stücke durch Herrn Stettinius und Herrn Thurm. Angeleitet wird das Orchester, das 2005 die ProMusica-Plakette des Bundespräsidenten erhielt, vom Platz aus. Denn, so Wilfried Thurm, Dirigenten gebe es wohl inzwischen in keiner Gruppe mehr.

Die Programme des Ersten Halleschen Bandonionorchesters richten sich zumeist nach den jeweiligen Publikumswünschen. Man unterhält gegenwärtig hauptsächlich die älteren Hallenser mit den altbekannten und bewährten Melodien. Gern erinnern sich die Musiker an ihre Auftritte zu den Sommerfesten der Begegnungsstätte der Volkssolidarität in der Hettstedter Straße, zu den Vereinstagen im Volkspark, aber vor allem an das Bandonionkonzert zum Sachsen-Anhalt-Tag 2011 in Gardelegen zurück. Seit 1993 treffen sich zudem in jedem Oktober Bandonionorchester beziehungsweise Solisten aus Halle, Dresden, Hamburg sowie Neustadt bei Coburg zum jährlichen Festival in Carlsfeld im Erzgebirge. Mit Partner-Orchestern treffe man sich des Weiteren zu Jubiläen, so Wilfried Thurm; dann finde nicht selten spontanes Zusammenspiel statt.

Damit die Stücke stets auch perfekt sitzen, wird jeden Mittwochabend in der Begegnungsstätte der Volkssolidarität „Zur Fähre“ (Böllberger Weg 150) fleißig geübt. Und bisher ist fast nie eine Probe ausgefallen. Das Jubiläum 2019 wird ebenfalls schon intensiv vorbereitet, denn für den 30. März ist ein Treffen mit befreundeten Bandonionorchestern geplant.

Jederzeit kann sich am Bandonionspiel interessierter Nachwuchs jeglichen Alters bei der traditionsreichen Kulturgruppe melden. Denn wie man am 93-jährigen Schlagzeuger Otto Beige sieht: Musizieren hält jung!

 

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