Aus der Hölle in ein sinnerfülltes Leben

Mohammed Smouneh aus Syrien leitet Integrationsprojekt beim Verein Kinder- und Jugendhaus

Ein junger Mann hat die Hölle gesehen – und ist ihr entkommen: Mit der Mutter, dem Bruder. Der Vater lebt noch in der Hölle, weil er dort das Stückchen Himmel bewahren möchte, das ihm noch geblieben ist: die Reste seines Geschäftes. Wenn man das Leben nennen kann. In Aleppo, in Syrien. Sein Sohn, Mohammed Smouneh, versucht indes, sich in Halle bis auf weiteres ein friedliches, selbstbestimmtes und engagiertes Leben aufzubauen.

2015 kam Mohammed aus Aleppo über den Libanon nach Deutschland und in die Saalestadt. Er entrann absoluter Zerstörung sowie Tod und traf im Libanon auf Flüchtlinge aller in Syrien verfeindeten religiösen und ethnischen Gruppen. Auch hier war er sich seines Lebens also nicht sicher, weil man nie einschätzen konnte, wem man gerade gegenüber stand und wie man auf ihn reagieren musste. Er selbst ist Muslim, und zwar ein ganz moderner. Da seine Großmutter Deutsche ist und auch seine Mutter einen deutschen Pass besitzt, den sie im Libanon aktualisieren ließ, hatten es die drei dann etwas leichter als andere, nach Deutschland zu kommen. Ihnen blieb das Grauen auf dem Meer erspart.

In Halle fühlt sich der heute 24-Jährige nun wohl, hat Freunde gefunden und möchte gern so bald wie möglich sein Studium als Programmierer fortsetzen oder – noch besser – eine Ausbildung zum Kraftfahrzeug-Mechatroniker absolvieren. Denn damit kann er später mehr in seiner Heimat anfangen. Nur wenige Menschen arbeiten in Syrien in Angestelltenverhältnissen; viele sind kleine Handwerker, Gastronomen, Händler oder ähnliches. Vor allem aber findet der liebenswürdige und lebenshungrige junge Mann in der Musik Einklang mit sich selbst; er hat sich inzwischen ein bisschen Gitarre- plus Klavierspielen beigebracht. Auch Sportarten wie Fußball und Fitness widmet er sich in seiner Freizeit gern.

Wenn er denn mal freie Zeit hat. Denn von dienstags bis samstags leitet Mohammed Smouneh im Verein Kinder- und Jugendhaus (Züricher Straße 14) das Integrationsprojekt „Willkommen in der Südstadt“, das noch bis August 2019 von der IKEA-Stiftung sowie der „Aktion Mensch“ gefördert wird. Hier ist er sinnvoll beschäftigt, kann etwas für andere tun und verdient sich seinen Lebensunterhalt selbst. Tatkräftige Unterstützung erhält er dabei von Heike Aschenbrenner, der Leiterin des Hauses.

Wenn die Kinder und Jugendlichen, vorwiegend zwischen sechs und 21 Jahren alt, nach der Schule oder am Samstagmorgen in ihr Freizeitzentrum kommen, stürmen 25 bis 30 einheimische Kids und solche mit Migrationshintergrund auf Mohammed ein. Stets hat er ein offenes Ohr für ihre Probleme, spielt mit ihnen Billard oder Gesellschaftsspiele. Sie hören gemeinsam Musik, oder er hilft bei den Hausaufgaben. Auch berät er Familien mit Bleiberecht bei Fragen rund um die Themen Schule, Alltag, soziale Integration und Freizeit. Sie stammen wie er aus Syrien sowie aus dem Iran, dem Irak, aus Ungarn, Polen oder Rumänien.

Jeden Dienstag und Donnerstag ist er zudem Ansprechpartner für Schüler, Lehrer, Sozialarbeiter und Eltern in der Grundschule Südstadt und in der Sekundarschule „Am Fliederweg“. Geplant hat der junge Syrer für die nahe Zukunft, mit den Kids die nähere Umgebung zu erkunden, damit sie sich noch besser in ihrem „Kiez“ orientieren können.

Dass er Spaß daran hat, vom Arabischen ins Deutsche und umgekehrt zu übersetzen sowie Kindern durch aktive Freizeitgestaltung etwas Freude im Alltag zu bieten, spürte Mohammed bereits als Helfer in der Flüchtlingsunterkunft „Maritim“. Nachdem diese schloss, fragte er stetig nach Einsatzmöglichkeiten in der neuen Heimatstadt, bis er durch das Jugendamt den Tipp bekam, sich bei Beate Gellert vom Verein Kinder- und Jugendhaus (KJH) für das Willkommens-Projekt in der Südstadt zu bewerben. Da konnte er schon ziemlich gut deutsch sprechen.

Durch die Förderung der aktiven Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund über das Projekt „Willkommen in der Südstadt“, erklärt Beate Gellert, sollen im Idealfall später „Tandems“ gebildet werden. Dabei nehmen Kinder und Jugendliche, die sich hier bereits eingelebt haben, neu Angekommene an die Hand und helfen ihnen, sich vor Ort zurecht zu finden und sich in das soziale Leben einzubringen.

Vorgemacht haben dies bereits unter anderem arabische Azubis aus der Betriebsberufsschule I „Max Eyth“ Halle-Neustadt, die mit Mohammed Smouneh zusammen die jüngeren und ältereren Besucher des Treffs während eines Praktikums betreuten.

Und KJH-Geschäftsführerin Beate Gellert berichtet, dass es seit vielen Jahren gute Erfahrungen mit Integrationsprojekten in ihrem Haus und kaum Probleme im Viertel zwischen Einheimischen und Migranten gebe. Denn der Einwohner-Mix sei langsam gewachsen; außerdem beziehe man die deutschen und ausländischen Eltern so weit wie möglich in die offene Kinder- und Jugendarbeit mit ein. Man müsse die Familien mit Migrationshintergrund auch einladen, um einander kennen und verstehen zu lernen, damit durch die Überwindung von Hemmschwellen beiderseits Ängste und Vorurteile abgebaut werden können. Nur so sei der soziale Zusammenhalt im Wohngebiet aufrecht zu erhalten.

Auf die Frage, was Mohammed an Halle gefällt und was nicht, antwortet er: „Da ich keine riesigen Städte mag, ist Halle genau das Richtige für mich. Hier ist es auch einfacher für mich, nette Leute kennen zu lernen.“ Dann überlegt er, ob er von seiner Erfahrung mit anderen Arabern in Halle-Neustadt erzählen soll, und entscheidet sich dafür. Dort wurden er und sein Freund vor einiger Zeit selbst Opfer eines Messerangriffs. Mohammed, nachdenklich: „Wenn man die Aggressiven unter den Arabern hier nicht endlich unter Kontrolle bekommt, wird das noch große Probleme mit sich bringen.“