Redaktion Halle-Nord

Das „Rock‘n‘Roll-Zeug“ des Jacob Simon

Puppenspieler betreibt seit 35 Jahren Autonomes Kaspertheater Halle an der Saale

Seine Anfänge lassen sich bis ins 15. Jahrhundert zurück datieren. Im 18., 19. und auch noch im 20. Jahrhundert erlebte das deutsche Kaspertheater dann seinen furiosen Höhepunkt. Auf Volksfesten nutzten die Menschen damals ausgiebig die Möglichkeit, sich zu zerstreuen, von Alltagsproblemen abzulenken und ihrem Frust auf die tatsächlich oder vermeintlich „Bösen“ in der Gemeinschaft so richtig freien Lauf zu lassen.

Da gab es auf der Bühne den Räuber, die Hexe oder den Teufel, die Arges im Schilde führten, und denen mit List – und wenn es sein musste, auch mal mit Gewalt – das Handwerk gelegt wurde. Und immer siegte das Gute. Bezüge zu vergleichbaren Personen waren natürlich reinster Zufall …

Ihm ist nichts Menschliches fremd: Kasper von Jacob Simon in einer Zeichnung von Konstantin Bräunig.
Ihm ist nichts Menschliches fremd: Kasper von Jacob Simon in einer Zeichnung von Konstantin Bräunig.

Das sind auch heute noch die wichtigen inhaltlichen Komponenten, wenn Jacob Simon mit seinem Autonomen Kaspertheater Halle an der Saale die altbewährten Stücke aufführt, die Kinder zu allen Zeiten faszinierten. Aber kann man Mädchen und Jungen im Zeitalter von Computer, Spielekonsole und Smartphon überhaupt noch mit einem Kaspertheater vom Sofa reißen? Das scheint zunächst nahezu unvorstellbar. Doch wer einmal ein Stück des gebürtigen Saalestädters besucht, dort in die glühenden Augen der Kinder geschaut, sie beim Staunen und Mitfiebern beobachtet und ihnen bei Warnschreien an den Kasper vor Gefahren zugehört hat, ist spätestens dann überzeugt: Es funktioniert tatsächlich immer noch.

Vor allem wird dies an den Stellen deutlich, an denen die Sprösslinge herzlich lachen, wenn der scheinbar leicht naive, doch eigentlich kluge, überaus sympathische Kasper mithilfe der „moralischen Ins­tanzen“ (König, Prinzessin, Polizist …) das böse Krokodil, die Hexe, den Teufel, den Tod oder den Räuber bestraft und ihnen mächtig eins mit der Klatsche überzieht. Dann ist die gelöste Spannung und Freude der Kids, da zum Schluss endlich – wie immer – das Gute die Oberhand behält, förmlich zu spüren. Selbst die Reaktionen der anwesenden Erwachsenen auf das modernere Geschehen, zum Beispiel, wenn der Banker für seine Abzocke bestraft wird, bringen einen zum Schmunzeln. Ahhh, da lugt sie wieder durch ein kleines Zeitfenster, die Kindheit!

Genau das ist es, was Jacob Simon, in der dritten Generation in Halle Puppenspieler, immer noch an seinem Handwerk, wie er es bezeichnet, fasziniert. „Natürlich stelle ich mir immer wieder die Frage: Wann kommt der Punkt, an dem ich nicht mehr gegen die modernen Medien anspielen kann. Aber bisher komme ich immer wieder auf das Kaspertheaterspielen zurück, weil ich einfach feststelle, dass die Kinder nach wie vor positiv darauf reagieren. Die Dreidimensionalität des Mediums spielt dabei sicher ebenso eine Rolle.“ Außerdem, so fügt der 53-Jährige an, brauche er nach wie vor die Interaktion zwischen sich und den Kindern. Er baut sogar Geräusche aus dem Umfeld mit in die Szenen ein, reagiert auf sie. „Mir gefällt diese Lebendigkeit des Spiels, dieser Spirit“, fasst der in der idyllischen Trothaer Saalestraße Lebende und Arbeitende seinen beruflichen Antrieb zusammen.

Diesen „Spirit“, diesen Geist, der das Kaspertheater umweht, konnte Jacob Simon (dessen Vorname – ob beabsichtigt oder zufällig – dem Nachnamen des Gründers der Hohensteiner Puppenspiele, Max Jacob, entspricht) selbst vielfach als Kind erleben. Oft war er mit seinem Vater, dem Puppenspieler Frieder Simon, seit dem Ende der 1960er Jahre auf Tour. Er durfte dann, beim strikten Gebot der absoluten Ruhe, das Geschehen jedes Mal hinter der Bühne mitverfolgen. Denn neugierig, wie ein Kind nun einmal ist, wollte auch er erkunden, was im Hintergrund passiert, um zu verstehen, was man vorne auf der Bühne sieht. Gleichermaßen aufregend fand Jacob das Herumreisen sowie Auftreten an Orten, zu denen man sonst kaum Zutritt bekam, so etwa im „Palast der Republik“ in Berlin. Natürlich war das Kind ebenso angetan vom Applaus der kleinen und großen Zuschauer.

Jacob Simon vor seiner Vitrine voller Puppen. Auch zahlreiches Zubehör gehört zur Ausstattung des Kaspertheaters. (Foto: Gabriele Bräunig)
Jacob Simon vor seiner Vitrine voller Puppen. Auch zahlreiches Zubehör gehört zur Ausstattung des Kaspertheaters. (Foto: Gabriele Bräunig)

All diese Erfahrungen haben den leidenschaftlichen Puppenspieler stark geprägt. Schon damals brachten sie ihm allerdings auch die Erkenntnis, wie anstrengend diese Tätigkeit ist: Der Auf- und spätere Abbau der Bühne, 30 bis 50 Minuten volle Konzentration auf die Handlung, das Umsetzen verschiedener Sprechrollen, das gleichzeitige Hantieren mit mehreren Puppen, dazu unzähligen Requisiten. Man hat ja schließlich nur zwei Hände. Später sind Jacob und Frieder Simon auch gemeinsam aufgetreten, aber eher selten. Allerdings hat ihn der Vater aufgebaut, mit ihm erste Stücke eingeübt, Puppen für ihn gebaut.

Seit 1983 ist Jacob Simon inzwischen freiberuflich tätig. In den Anfangsjahren ist der gelernte Musikinstrumentenbau-Meister noch mit dem Koffer per Eisenbahn zu seinen Auftrittsorten gefahren. Heute geht es freilich komfortabler zu. Von Anfang an sieht sich der Künstler dem traditionellen deutschen Kaspertheater nach Jahrmarkt-Art verpflichtet. Er bringt neben klassischen Märchen und einer kleinen Komödie von Siegfried August Mahlmann (1771-1826) vor allem an Märchen angelehnte Stücke unter Beteiligung des Kaspers zur Aufführung, so zum Beispiel „Rumpelstilzchen“.

Jacob Simon zum pädagogischen Anliegen der traditionellen Kaspertheaterstücke: „Wer möchte nicht, dass das Gute siegt! Und wer hat nicht manchmal Lust, mit der ‚Klatsche‘ zuzuhauen, wenn jemand etwas Böses tut! Zumeist macht man es ja nicht wirklich.“ Auch wenn es in seinen Stücken manchmal ziemlich hoch her geht. Dabei ist der britische „Punch“ eines seiner Vorbilder. Der tritt ganz schön aggressiv auf. Konrad Fredericks, einen der letzten „Punchworker“, kennt Simon persönlich und ist von dessen schneller, kämpferischer Spielweise sowie dessen Berufsauffassung als „Geld verdienender Handwerker“ beeindruckt. Fredericks tritt seit Jahrzehnten auf den Straßen von England plus bei nationalen und internationalen Festivals auf. „Von ihm habe ich einiges übernommen. Daraus entstand so eine Misch-Form“, erklärt der beim Kennenlernen erst einmal sehr zurückhaltend wirkende, jedoch während des Erzählens über seine Arbeit leidenschaftlich aufblühende Mann. „Das Rock‘n‘Roll-Zeug, das ich auf der Bühne mache, macht außer mir hier kaum jemand“, ergänzt er lachend.

Auch Jacob Simon tritt auf Weihnachts- und Jahrmärkten und anderen Volksfesten auf – vorwiegend im „Drei-Länder-Eck“ Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sowie auf nationalen und internationalen Festivals. Zuletzt beim Internationalen Puppentheater-Festival im Landkreis Elbe-Elster im September. Man kann ihn zudem für Theater-Aufführungen in Kitas und Schulen sowie für Privatveranstaltungen buchen. Eine bestimmte Anzahl von Vorführungen im Jahr bietet er aus Heimatverbundenheit gratis; so beispielshalber beim halleschen Kinderhospiz in diesem Sommer oder zum Knoblauchmittwochsfest.

Drei Bühnen stehen ihm für seine Inszenierungen aktuell zur Verfügung: Zwei für Aufführungen im Freien und eine, sehr majestätisch anmutende Bühne für drinnen. Einige der gespielten Puppen tragen gleichermaßen edle Kostüme, die vor drei Jahren von einer Haute Couture-Firma aus Leipzig gefertigt wurden. Immer auch im Gepäck: Etwa 100 Jahre alte Puppenköpfe, beispielsweise die des Kaspers. Diesen hatte bereits sein Großvater Gerhart in Gebrauch. Seine Mutter Barbara, die Textil-Design an der „Burg“ in Halle studierte, nähte darüber hinaus zahlreiche weitere Kostüme für die Puppen ihres Sohnes. Heute findet man den alten Kasper, der übrigens gern auch mal urig hallensert, noch immer im Fundus des Autonomen Kaspertheaters.

Meistens sitzen Kasper nebst Prinzessin, König und Königin, Polizist, Hexe, Tod, Banker, Krokodil und die vielen anderen faszinierenden und vielfach sehr lebendig wirkenden Figuren „schlafend“ in einem riesigen Vitrinenschrank in der „guten Stube“ von Jacob Simon, der in der Saalestraße auch einen Blechblasinstrumenten-Handel betreibt. In seinem Domizil sinniert er zurzeit über ein neues Weihnachtsstück. Doch gerne, so der Liebhaber guter Weine, schaut er sich überdies die Puppen anderer Gestalter an. Quelle der Inspiration ist ihm dabei immer wieder das Mitteldeutsche Marionettentheater-Museum in Bad Liebenwerda.