Redaktion Halle-Süd

Der Tom-Sawyer-Effekt

Wolf Rothe, WaJut: „Erziehung muss für junge Menschen erfahrbar sein“

In „Tom Sawyers Abenteuer“ von Mark Twain soll Tom den Zaun streichen und beginnt dies äußerst widerwillig. Nach und nach kommen dann einige Jungs hinzu, die alle neugierig wissen wollen, was Tom denn da tut. Und Tom, ein ziemlich cleveres Bürschchen, redet den Freunden sehr glaubhaft ein, dass es nichts Aufregenderes auf der Welt gebe als Zäune-Streichen – so dass ihm jeder diese Aufgabe nur allzu gern abnehmen möchte. Den „Tom-Sawyer-Effekt“ hat Wolf Rothe zum Leitmotiv seines Handelns erkoren, um Kinder und Jugendliche im Waldorf-Jugendtreff (WaJut) stets dazu zu motivieren, offen für alles Neue zu sein, gemeinsam etwas zu erleben sowie für sich und andere etwas zu tun, kreativ zu werden.

„Autorität kommt vom Tun und nicht vom Quatschen“, meint Wolf Rothe, einer der beiden WaJut-Leiter des Jugendtreffs in der Lauchstädter Straße 24. Und: „Erziehung muss erlebbar sein.“ Aus diesem Grund folgt er den Prinzipien der Waldorf-Pädagogik, die in diesem Jahr ihr 100. Jubiläum begeht, insofern, als dass Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 27 Jahren hier von Montag bis Freitag in der Zeit zwischen 14 und 18 Uhr so ihre Freizeit verbringen können, dass diese sinnhaft ist, man viel beim regelmäßigen Basteln, Nähen, Kochen und Bauen oder auch Sporttreiben, Musik- und Theatermachen lernen kann. Freilich gilt es ebenso, Regeln im Miteinander zu beachten.

Ganz leicht zu finden: Der Waldorf-Jugendtreff in der Lauchstädter Straße 24. (Foto: Gabriele Bräunig)
Ganz leicht zu finden: Der Waldorf-Jugendtreff in der Lauchstädter Straße 24. (Foto: Gabriele Bräunig)

Zu den Höhepunkten im WaJut zählen neben der jährlichen „Gala der Jugend“, auf der Halbwüchsige, die die halleschen Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit besuchen, einmal zeigen können, was sie an Talenten so drauf haben, beispielsweise der monatliche sportliche „Hanni-Cup“ am Johannesplatz, das große Kinderfest, das Pestalozziparkfest plus das Indianer-Camp im Sommer sowie die große Halloween-Party und die Weihnachtsfeier zum Jahresende. Jegliche Dekoration für die Feste wird im Übrigen selbst gebastelt, für das Indianer-Camp selbst Zubehör genäht. So wie die WaJut-Besucher in der Vergangenheit auch ein Sofa, eine Bühne plus Musikinstrumente aus Holz für sich gebaut haben.

Zurzeit sind die durchschnittlich 25 Mädchen und Jungen, die wochentags in den Jugendtreff kommen, unter anderem von ihrem Musik-, Tanz- sowie Sportprojekt begeistert. Beim Kochkurs wird sehr auf gesunde Ernährung geachtet. Einmal im Monat verkauft die Gruppe „Art to cook“ zur jeweiligen Stadtratssitzung fair gehandelten Kaffee und Tee, Bio-Brötchen sowie – ausnahmsweise – Fleisch, nämlich Würstchen. Für ihren Fleiß ernten sie bei den Kommunalpolitikern gleichbleibend hohe Anerkennung.

Im kommenden Jahr wird der Waldorf-Jugendtreff runde 20 Jahre alt. Mit den Vorhaben einer großen diesbezüglichen Feier, der „fünften Gala der Jugend mit allem Pomp“ im Stadthaus, der „größten Halloween-Fete 2020 in Halle“ wie auch dem Bauprojekt Gewächshaus mit Hochbeeten gibt Rothe dabei schon einmal einen kleinen Ausblick darauf. Und die jungen Leute freuen sich bereits auf das nächste Pestalozziparkfest mit einer erneuten Jugendbühne, an der zumindest „Art to cook“ wieder präsent sein wird.

„Jeder kann zu uns kommen – egal, aus welchem sozialen Hintergrund oder woher stammt“ machen die beiden WaJut-Leiter Wolf Rothe und Martin Hellmann allen Kids und Teens im halleschen Süden Mut, einmal hinter das blaue Tor mit dem riesigen Kraken zu schauen und sich aktiv einzubringen. Auch Eltern, Großeltern, Geschwister und Nachbarn sind immer gern gesehen, um mitzutun. Zudem sind Rothe und Hellmann Sozialpädagogen von Beruf. So kann man sich hier ebenso zu schulischen wie zu Alltagsproblemen beraten lassen. Wünschenswert wäre es auch, dass sich angrenzende Schulen für gemeinsame Projekte interessieren würden.

Durch die Arbeit der WaJut-Leiter, deren Entlohnung das städtische Jugendamt trägt, sollen die Heranwachsenden zu selbstständigen, starken, optimistischen und toleranten Menschen erzogen werden, so Wolf Rothe. Und er bestätigt denn auch: „Unsere Besucher sind großartige junge Leute mit einzigartigen Talenten.“ Das Resümee des Erlebnispädagogen, der seine Arbeit als sehr dankbar und erfüllend empfindet: „Offene Kinder- und Jugendarbeit ist trotz allen Unkenrufen doch sexy. Es lohnt, darüber immer wieder zu berichten!“