Redaktion Halle-Süd

Dorr Altlatz ehrtn jlauchschen Adel

Mundart-Kabarett „Hallsches Brettchen“ feiert im Mai zehnjähriges Jubiläum

Immer, wenn Jürgen Seydewitz als Kind vom Spielen mit anderen Scheksern (Jungen) und Ischen (Mädchen) nach Hause kam, tadelten ihn seine Eltern mit hochgezogenen Augenbrauen: „Sprich du nicht so hallisch!“ Sie mochten es wohl nicht, dass der Slang vom Nachwuchs des „Jlauchschn Adels“ (in Glaucha wohnende Arbeiterklasse) zu sehr auf den Sohn abfärbt. Doch scheinbar war der Lumich (Schlitzohr) so fasziniert von der Mundart, dass er diese noch heute leidenschaftlich pflegt. Am Abend des 11. Mai begeht die Kabarettbühne „Hallsches Brettchen“ (Böllberger Weg 174) mit einer Gala bereits ihr zehnjähriges Jubiläum.

Seine Lawwe (Mund) habe er schon als Schüler nicht gut halten können, so Jürgen Seydewitz lachend. Denn er sei ein Klassenkasper vor dem Herrn gewesen. Mit Späßchen brachte er gerne die Wänste (Kinder) zum Lachen. Später, er spielte rund 50 Jahre aktiv Fußball, interpretierte er die Ereignisse des Vereinsjahres während unzähliger Weihnachtsfeiern ebenfalls auf seine ganz eigene humorvolle Weise. Auch bot er Lustiges zum Leben und Lieben der Hallenser sowie zu deren Freiden (Freuden) mit ihren Stumtijern (Katzen), Schnatzjern (Spatzen) und Motschegiebchen (Marienkäfern) im Garten wie auch zu ihren Leiden durch allerlei Duste (Idioten) aus der Nachbarschaft auf Geburtstagsfeten seiner Freunde dar.

Die heimatliche Mundart ging Jürgen Seydewitz einfach nicht aus dem Nischel (Kopf). So gründete er nach einigen Auftritten mit dem großen hallischen Mundart-Kabarettisten Horst Sonntag im „neuen theater“ plus Zwischenstation im Malzgarten vor zehn Jahren mit Unterstützung der Saalewerkstätten des Vereins Lebenshilfe in dessen Räumen im Böllberger Weg sein eigenes Kabarett. Und auch heute noch stehen ihm Leitung sowie Beschäftigte des Vereins hilfreich zur Seite. Hier leitet er sogar seit einigen Jahren eine Theatergruppe.

Seit zehn Jahren also ist der 67-Jährige auch durch seine schwarze Hose, sein rotes Hemd und den unvermeidlichen „Piependeckel“ (Lattchermütze) in der gesamten Saalestadt bekannt wie ein bunter Hund – ähm Kwien. Neben den Vorstellungen auf seiner Bühne kann man den Mundart-Kabarettisten bei Auftritten zu Familienfesten, Firmenfeiern oder Kulturprogrammen erleben. Zu seinem Repertoire gehören Texte des hallischen Frisörs und Mundartdichters Reinhold Hoyer (1846-1928) ebenso wie Kreationen seiner Mundartfreunde und natürlich auch eigene.

Eigentlich war es für Jürgen Seydewitz von Anfang an keine Kläje (Arbeit), auf hallisch zu kommunizieren: „So etwas liegt mir einfach. Wenn ich irgendwo in Deutschland unterwegs bin, zum Beispiel in Bayern, lerne ich den dortigen Dialekt auch ganz schnell.“ Er liebt den ganz eigenen Charme des Hallischen, denn Dialekt ist Heimat, und mag es gar nicht, wenn das abgewertet wird. Diese Mundart beinhalte zudem, so der Sprachkünstler, originelle Begriffe und Verballhornungen. Zum Beispiel die Umwandlung von Professor in Brotfresser.

Nur dass der Altlatz („der Alte“ – Vater, Meister, Chef) sein geneigtes Publikum nicht im Ur-Hallischen erfreut, sondern, wie er es nennt, in einem Umgangshallisch. Denn wahrscheinlich nur noch wenige, ganz alte Hallenser sprechen und verstehen den ursprünglichen Lattcherschmus (Lattcher: Eckensteher, Tagedieb, Tagelöhner), der stark an das Rotwelsche (Gaunersprache) angelehnt ist.

Obwohl der Lattcher auch heute noch eine große Rolle im Seydewitzer Kabarett spielt. Denn regelmäßig wird beim „Hallschen Brettchen“ der „Lattcher des Jahres“ gekürt. Wer das diesmal sein wird, erfahren wir am 25. Mai beim „Brettgeflüster“ zum Saisonabschluss.

Seine illustren Gala-Gäste zum „Brettfest“ am 11. Mai werden Reinhard Straube, Knopphutkrone Bettina Schirmer (Krone = Frau), Ulrich Kunze aus Meiningen, ein „Kiebitzensteiner-Mitglied, Ilja Wehrenfennig sowie Alexander Goldenberg, der Pianist des „Hallschen Brettchens“ sein. Sie denken, ich streeche (lüge) – nee!?

Falls eem vor der Veranschdaldung schon de Gallaunen knurrn, dann kammer im „Café & mehr“ im Vorderhaus der Lebenshilfe ooch schon e Achelputz (Essen) jenießn. Machen se eenfach ma niwwer! Un gommse mid der Hidsche, es sin jenuch Bargblätze da!