Fantasievoll die Welt entdecken

Brunhilde Gorisch seit 14 Jahren liebevolle Leselernpatin in der Francke-Kita

„Hallo Omi!“ oder „Hallo, Frau Gorisch!“ So wird die 76-jährige Leselernpatin Brunhilde Gorisch jeden Freitag halb elf Uhr in der Kita „August Hermann Francke“ (Franckeplatz 1) von drei- bis sechsjährigen Knirpsen empfangen – oft begleitet von stürmischen Umarmungen, und manchmal auch von den aufmerksamen Mädchen für ihr modernes Outfit gelobt. „Kommst du heute zu uns?“ folgt meist als hoffnungsvolle Frage an die jedes Mal wieder entzückte Mittsiebzigerin aus der Körnerstraße. Und ein enttäuschtes „Oooch!“ ist ihr gewiss, wenn sie einmal nicht bei den erwartungsfrohen Kindern einer der vier Gruppen der Kita zu Gast sein wird …

Durch einen Zeitungsartikel erfuhr Brunhilde Gorisch im Jahr 2005 über ein Ehepaar, das große Freude daran hatte, regelmäßig in einer Kindertagesstätte vorzulesen. Sie dachte bei sich: Das ist genau mein Ding! Frau Gorisch, von Beruf Industriekauffrau und viele Jahre in der Statistik im Bereich Marketing tätig, liest selbst sehr gern, besonders historische Frauenromane. „Dick müssen die Bücher vor allem sein“, ergänzt die muntere und engagierte Hallenserin lachend. Aber hauptsächlich war ihr – durch das Zu-Gehör-bringen von Geschichten für ihre eigenen zwei Kinder und drei Enkel – bewusst, dass Heranwachsende durch das Lesen die Welt entdecken, ihre Sprachfähigkeit entwickeln sowie soziale Kompetenzen erwerben. Zu oft, so Brunhilde Gorisch, stünden heute Fernseher, Handy oder Computer im Vordergrund bei den Freizeitbeschäftigungen von Kindern. Diese sollten, und dafür mag ihr eigenes Engagement Anstoß sein, lieber ihre Eltern öfter dazu animieren, gemeinsam Bücher zu lesen.

Da Frau Gorisch damals nicht wusste, wohin sie sich mit ihrer Bereitschaft, es dem Ehepaar gleich zu tun, wenden konnte, rief sie einfach bei der Zeitung an und wurde dahingehend an die Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis verwiesen. Hier fiel ihr Enthusiasmus natürlich auf fruchtbaren Boden. Und so begab es sich, dass die zu dieser Zeit gerade in Rente Gegangene und Aktiv-bleiben-Wollende als Leselernpatin in die Kita der Franckeschen Stiftungen kam. Da Frau Gorisch in der Nähe von „Reichardts Garten“ wohnt, war die Einrichtung auch unkompliziert mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, ein weiterer Pluspunkt.

Zunächst las sie vor einer kleineren Gruppe von Kindern; nach kurzer Zeit saß die Seniorin jedoch bereits wechselnd in vier Gruppen mit zahlreichen Sprösslingen im Rund. Von der damaligen Kita-Leiterin wurde sie ebenso herzlich aufgenommen wie von den Mädchen und Jungen jeden Freitag noch heute. Die Zeit ihrer Besuche durfte sie selbst bestimmen. „Die kleinen Wesen bringen mir als älterer Frau stets sehr viel Offenheit, Wertschätzung und Liebe entgegen; das ist schön“, freut sich Brunhilde Gorisch.

Die Bücher, aus denen sie vorliest, entnimmt die „nette Omi“ entweder ihrem eigenen Bestand, oder sie leiht sie sich aus der Stadtteilbibliothek Nord aus. Dort lässt sie sich auch oft fachmännisch beraten. Zudem organisiert die Freiwilligen-Agentur neben regelmäßigen Austauschtreffen und Weiterbildungen für die ehrenamtlich tätigen Leselernpaten einmal im Jahr eine Veranstaltung, bei der in der Thalia-Buchhandlung Neuerscheinungen für Kinder vorgestellt werden.

Und auch Rituale sind Frau Gorisch bei jeder Lesestunde wichtig. So begrüßt die Kinder, je nach Jahreszeit, ein Plüsch-Storch oder, aktuell, wieder ein Plüsch-Eisbär. Zunächst plaudern die Tiere jeweils ein Weilchen mit den Dreikäsehochs, und während des Vorlesens wandern sie dann zum Kuscheln von Arm zu Arm. Auch die Geschichten richten sich zumeist nach den aktuellen Jahreszeiten beziehungsweise saisonalen Festlichkeiten, damit die Kiddies viel darüber lernen können. Im Moment stehen also der Herbst, im November der Martinstag und im Dezember Weihnachten auf der Themenliste von Frau Gorisch. Und zu der Geschichte „Das geheimste Geheimnis der Welt“ von Hubert Schirneck brachte die Ideenreiche einmal ein kleines, natürlich sehr geheimnisvolles Kästchen mit in den Kindergarten, dessen überaus spannender Inhalt erst beim nächsten Besuch aufgelöst wurde.

Wohlwollend kritischer Zuhörer vor jeder Begegnung mit den Knirpsen ist Brunhilde Gorischs Mann Hans, mit dem sie seit 56 Jahren glücklich verheiratet ist. Neben einer Menge Zuspruch kommt dann auch einmal ein: „Etwas langsamer bitte!“ Das nimmt sie selbstverständlich nicht krumm, denn sie möchte ja die Wirkung ihrer Art, vor Kindern zu lesen, testen. Zurzeit wartet die rührige Seniorin als eine von rund 70 halleschen Leselernpaten erregten Herzens auf den diesjährigen Vorlesetag am 15. November in der Stadtbibliothek. Auf die bei magischen Geschichten staunenden Kinderaugen freut sich Frau Gorisch schon jetzt sehr.

Wer gleichfalls Interesse an einer Leselernpatenschaft hat, kann sich bei Nicole Niemann und Marianne Bucher von der Freiwilligen-Agentur melden – unter Telefon 0345/2002810 oder per E-Mail: lesewelt@freiwilligen-agentur.de