Redaktion Halle-Nord

Generationen prägten ihre Kulturen

Bis zum 10. November laden 23. Hallesche FrauenKulturTage ein

Frauen sämtlicher Kulturen haben zu allen Zeiten Lebenserfahrungen an ihren Nachwuchs weitergeben und ihm damit unter anderem bestimmte Alltags- sowie soziale Kompetenzen, den Zweck tief verwurzelter Traditionen, ihren Bildungsanspruch, ihre jeweiligen Vorstellungen von Kindererziehung und zwischenmenschlichen Beziehungen vermittelt.

Dies geschah entsprechend den Unterweisungen ihrer eigenen Eltern, ihrer Sittlichkeit und ihrem Weltbild samt dazugehörigem Wertekanon. Da die Väter oft abwesend oder gar zu beschäftigt waren, haben Kinder dabei vieles vor allem von ihren Müttern oder Großmüttern übernommen – beziehungsweise einiges davon ganz bewusst abgelehnt, um es besser oder zumindest anders zu machen. Fakt ist jedoch, dass sich das Erfahrungswissen von Frauen stets in das Gedächtnis ihrer Kulturen eingeprägt hat – ganz früher zumeist in Form von Märchen, alten Geschichten, Sprüchen oder Liedern. Dieses Erfahrungswissen fungiert auch heute noch vielfach als unser „inneres Geländer“.

Ob dieses Wissen in der heutigen Zeit massenhafter, hochkomplexer und oft verwirrender Medieninformationen tatsächlich noch bei den jüngeren Generationen gefragt und überdies wichtig für die künftige Ausprägung einer aufgeklärten Gesellschaft ist, damit beschäftigen sich die 23. Halleschen FrauenKulturTage im Europäischen Jahr des Kulturerbes. Noch bis zum 10. November lädt der Verein Dornrosa jeden Interessierten ein, sich mit diesem Thema vertraut zu machen, seinen Horizont zu erweitern und sich über eigene Beobachtungen und Erkenntnisse auszutauschen.

„GENE-rationen – Kulturelles Gedächtnis/Erfahrungswissen/Alltagskompetenz“, so lautet das Motto der 23. Halleschen FrauenKulturTage, die bis zum 10. November zu Vorträgen, Workshops, Diskussionen, Filmvorführungen, Ausstellungen sowie Singe- und Handarbeitskreis, Sonntags-Mitbringbrunch, Lesung und einem Abschiedskonzert willkommen heißen. Der Fokus der Veranstaltungsreihe des Dornrosa-Vereins (Karl-Liebknecht-Straße 34) richtet sich dieses Mal vor allem auf das Familien- und Generationengedächtnis als eine Form des Bewahrens von kulturellem Erbe.
Betrachtet wird dabei speziell die intrinsische Art der Aneignung von Erfahrungswissen – also aus eigenem Antrieb heraus. Im Gegensatz zur extrinsischen Motivation, die durch materielle Formen des kulturellen Erbes, wie Medien, Institutionen oder Kunst- und Architekturzeugnisse, identitätsstiftend in einer Nation wirken kann.

Es geht konkret darum, im Rahmen verschiedener Veranstaltungsformate zu beleuchten, ob und in wieweit dieses kulturelle Erbe, das in unserer vorwiegend christlich geprägten deutschen Geschichte besonders innerhalb der weiblichen Dreigenerationenfamilie Großmutter – Mutter – Kind/Enkelkind weitergegeben wurde, heute noch von Bedeutung ist. Angelehnt ist dieser Blickwinkel an das Thema der „Anna Selbdritt“-Gemälde, die jeweils die drei Generationen heilige Anna, Jungfrau Maria plus Jesus als Knabe darstellen und deren Aussagen von Künstlern der diversen Epochen unterschiedlich interpretiert wurden (siehe Plakat Mitte). Darüber hinaus soll gleichermaßen die Wirkkraft des generationenübergreifenden Vermittelns von Erfahrungswissen in anderen Religionen sowie bei indigenen Völkern thematisiert werden. Jutta Jahn, Initiatorin und Vorstand des Dornrosa, dazu: „Die Rückbindung an eine tradierte sozio-kulturelle Vermittlung im Kontext der Generationenabfolge bekommt durch die gegenwärtigen Migrationsprozesse noch einen weiteren Aspekt, der in Hinsicht auf die kulturelle Vielfalt und das interkulturelle Erbe mitgedacht werden muss.“

Die Kunsthistorikerin verweist zudem darauf, dass individuelle und familiäre Erinnerungen zwar nie ein kompletter objektiver Spiegel der Vergangenheit einer Gesellschaft seien, allerdings stets ein aussagekräftiges Indiz für die Belange und Bedürfnisse der Erinnernden in der Gegenwart. Daraus erwachse für die jungen Generationen – besonders angesichts der überbordenden und nicht selten verwirrenden Flut der Fakten und Meinungen in den Medien zu einem Thema – die wichtige Möglichkeit, geschichtsbewusste und daraus zum Teil resultierende kritische Haltungen einzunehmen. Und zwar gerade dann, wenn sich die Erinnerungskultur, da immer weniger direkte Zeitzeugen Auskunft geben könnten, begänne zu verändern und sich in Teilen der europäischen Bevölkerung eine zunehmend geschichts-revisionistische Haltung zu etablieren scheine. Ziel der 23. FrauenKulturTage ist es deshalb, auf die Bedeutung der Weitergabe von Familien- und Generationen-Erfahrungswissen für eine Gesellschaft hinzuweisen und vor allem sichtbar zu machen, dass es gerade heute unabdingbar ist, darin eine neue Qualität zu erreichen. Die Sozial-Ökonomin Dr. Delal Atmaca, Geschäftsführerin des Vereins DaMigra und Schirmfrau der FrauenKulturTage 2018, sowie diverse Förderer und Kooperationspartner unterstützen dieses Anliegen erneut engagiert.