Gestern noch am Lagerfeuer der Tuareg

Sahara-Reisende: Helga Wiske bald zum 28. Mal am Sehnsuchtsziel

Sie hat schon viele Länder dieser Erde besucht: In Europa eigentlich fast alle; darüber hinaus weilte sie unter anderem in den USA, in China, Grönland und Namibia. Doch eines ist besonders bemerkenswert an Helga Wiskes Reisefieber: Die Wüste hat sie bereits gemalt, als sie noch gar nicht dort war. Und nach ihrer ersten Touristen-Tour 2005 in die Zentralsahara Südalgeriens hat diese Gegend die Pensionärin einfach nicht mehr losgelassen. Ende des Jahres wird ein Flug sie zum 28. Mal zu ihrem Sehnsuchtsziel führen.

Die Landschaft sowie die Menschen in der Zentralsahara haben es Helga Wiske angetan. Etwa 4000 Kilometer von Deutschland entfernt, findet sie in der Wüste das, wonach sie sucht: Sonne, eine unendliche Weite und Stille voller durch ständige Lichtveränderungen wechselnder Farben und Stimmungen, üppige Blütenpracht nahe den sogenannten Wadis nach einem Regenguss, exotische Tiere, bizarre Felsenformationen mit urzeitlichen Malerei- oder Kratzarbeiten. „Die Sahara strahlt einerseits eine große Stärke aus, die mir sagt: Ich brauche euch Menschen nicht. Andererseits gibt sie mir auch sehr viel Kraft“, erklärt die Trothaerin. 2.000 bis 3.000 ihrer Fotos pro Reise zeugen mittlerweile von dem faszinierenden Erdstrich. Bei zahlreichen Ausstellungen hat sie damit bereits ein stetig wachsendes Publikum erfreut.

 Der neueste Schrei bei den Tuareg: Süßigkeiten, hier Teyney aus Datteln, verfeinert mit Mandelsplittern und Sesam.  (Foto: Gabriele Bräunig)
Der neueste Schrei bei den Tuareg: Süßigkeiten, hier Teyney aus Datteln, verfeinert mit Mandelsplittern und Sesam. (Foto: Gabriele Bräunig)

Unter Helga Wiskes Fotos in mittlerweile zig Ordnern, die ein ganzes Regal füllen, kann man ebenfalls sehr interessante Porträt-Aufnahmen von „ihrer“ Tuareg-Familie sowie anderen Männern, Frauen und Kindern Südalgeriens entdecken. „Ihrer“ Tuareg-Familie? Zweifellos. Als sie vor Jahren ein Urlaubsziel für sich und eine ihrer Enkelinnen suchte, entschloss sie sich, mit der Teenagerin in die Zentralsahara zu reisen. Ein in Frankfurt am Main lebender Tuareg, inzwischen Helga Wiskes Freund, bot über seine Agentur Tripps in diese Gegend an. Zwei seiner Brüder agieren dort als Reiseleiter und Koch. Und so kam die Hallenserin auch zur Großfamilie Khala, die zum Stamm der Aguen-te-hele gehört.

Die Familienmitglieder nahmen die Jugendliche mit auf Kamel-Tour, waren gastfreundlich – und an der deutschen Sprache interessiert. So zögerte die ehemalige Unterstufen-Lehrerin und Schuldirektorin nicht lange, um ihnen ein bisschen Alltagsdeutsch zu vermitteln. Und nachdem Frau Wiske eines Abends eingeladen wurde, mit den Khalas zusammen zu sitzen, Tee zu trinken und ein wenig zu schwatzen, ihre Enkelin lieb mit den Kindern spielte, erhielt sie eine weitere Einladung zu den Tuareg in die Wüste des Hoggar-Gebirges – 70 Kilometer von der nächstgelegenen größeren Stadt Tamanrasset entfernt.

Handgemacht: Teil einer Ledertasche, die von Tuareg gefertigt wurde.  (Foto: Gabriele Bräunig)
Handgemacht: Teil einer Ledertasche, die von Tuareg gefertigt wurde. (Foto: Gabriele Bräunig)

Helga Wiske war sich damals zwar nicht ganz sicher, ob es sich dabei lediglich um eine Höflichkeitsfloskel des Clan-Ältesten handelte, aber die taffe Frau nahm die Einladung an und kam wieder. Damit war sie plötzlich Angehörige eines Tuareg-Stammes. Bis 2012 wohnte sie zwei bis drei Mal im Jahr, in zirka 1.400 Meter Höhe, in ihrer eigenen Hütte; später wurde ihr eine weitere Hütte gebaut – sogar mit einer Art Dusche dahinter. Finanziert hat die gebürtige Nordhausenerin ihre regelmäßigen Besuche damals wie heute über Kredite.

Die Betonung im vorletzten Satz liegt übrigens bewusst auf dem Wörtchen „wohnte“, denn seit 2013 kann Frau Wiske nicht mehr zu Familie Khala reisen, da es der gegenwärtige Bezirks-Chef dort nicht mehr erlaubt, dass Touristen in diesen Teil der Sahara kommen – aus welchen Gründen auch immer. Kontakt besteht seitdem nur noch über den Reise-Guide und den Koch der Großfamilie, die Helga Wiske jedes Mal auf ihren Touren durch Süd-Ost-Algerien, im Tassili-Gebiet, begleiten. Denn sie möchte immer das Neueste aus dem Stammesleben erfahren und ihre Geschenke an Frauen, Männer und Kinder bringen.

Die Tuareg, ein traditionsreiches Nomadenvolk mit eigener Sprache und Kultur, seien Muslime, die wesentlich europäischer erschienen als andere „arabische“ Menschen.
Sie würden sehr stolz und gastfreundlich sein, so die weltoffene Hallenserin, die bis vor Kurzem Flüchtlingen ehrenamtlich Deutsch-Kurse gab. Sie ergänzt: „Das ist allerdings auch gar nicht anders möglich in einer dürren Gegend, wo jeder auf jeden angewiesen ist.“ Und doch fühlte sie sich stets bei „ihrer“ Familie gut aufgehoben und versorgt; diese sei immer für sie da gewesen, wenn sie etwas brauchte.

Neben Rechten habe man im Stamm natürlich auch Pflichten. So sieht es Frau Wiske eben als ihre „freiwillige Pflicht“ an, kleine Geschenke mitzubringen. Auch würde sie für die Familie kochen. Allerdings schmecke ihr Essen den Khalas nicht, ergänzt sie lachend. Von jeder Reise nimmt sie natürlich auch etwas Außergewöhnliches mit: Neben neuen Eindrücken plus Erfahrungen beispielsweise eine Tasche aus Stoff oder Leder, ein Stückchen Tamarisken-Holz oder einen kleinen, besonderen Stein.

Die Tuareg lebten bescheiden von dem, was das Biotop ihnen biete, berichtet die Sahara-Begeisterte. Dies sei von den vor Ort herrschenden Naturgewalten abhängig. Und deshalb müssten die Menschen für das, was sie hätten, hart arbeiten. Dieses auf das Nötigste zurückgeworfene Volk, das trotzdem zufrieden sei, fasziniert Helga Wiske ebenso wie die Gleichberechtigung der Frauen in den Stämmen. Etwas beunruhigt zeigte sie sich allerdings vom zunehmenden islamistischen Einfluss auf die Region. Trotzdem sei eine Reise in die Sahara nicht gefährlich, beteuert die Touristin aus Leidenschaft, denn die Tuareg würden erstens ihre wichtigen Verdienstmöglichkeiten durch Touristen nicht aufs Spiel setzen. Zweitens wäre man in der Familie geächtet, wenn man ausländische Gäste entführte.

Helga Wiske blättert in einem ihrer zahlreichen Foto-Alben mit Motiven aus der Zentralsahara.  (Foto: Gabriele Bräunig)
Helga Wiske blättert in einem ihrer zahlreichen Foto-Alben mit Motiven aus der Zentralsahara. (Foto: Gabriele Bräunig)

Helga Wiske hinterfragt gern Gegebenheiten. So auch die Regeln und Normen im Alltagsleben der Tuareg. „Es hat seine Gründe, weshalb Menschen Jahrhunderte, ja Jahrtausende alte Traditionen befolgten“, überlegt sie. Die Schamhaftigkeit der Tuareg erkläre sich beispielsweise daraus, dass man innerhalb der Großfamilie nah beieinander lebe. Da die Zeltwände in der Wüste nicht selten geöffnet werden müssten, um ein wenig Durchzug zu gewährleisten, müsse man meistens angezogen sein. Außerdem bedecke man den Körper gegen die unbarmherzigen Sonnenstrahlen. Dass man derartige Dinge nicht einfach von heute auf morgen ablegt, findet die tolerante Weltbürgerin normal. „So etwas ist nicht einfach im Kopf, sondern eher tief im Herzen, in den Genen verwurzelt.“ Sie versteht daher, wie schwierig Integration ist.

Zu ihren jahrelangen Erlebnissen und Erfahrungen in der überwältigenden Landschaft der Zentralsahara hat die vielseitig interessierte und talentierte Trothaerin ein Buch geschrieben: „Gestern noch saß ich am Lagerfeuer der Tuareg“. Zu ihren laufenden Buch-Projekten zählt beispielsweise „Oskar, ein Hund der Tuareg, erzählt“. Dazu führt Helga Wiske Lesungen durch, besonders gern auch vor Kindern – um ihnen eine ganz andere Welt als ihre alltägliche zu erschließen. Immer wieder malt sie die Wüste und deren Bewohner. Aus Tamarisken-Holz werden von ihr kleine Kunst-Objekte gestaltet.

Ihre nächste Reise führt Helga Wiske im Herbst dieses Jahres in die Sahara. Auch hier wird sie wieder Kontakt zu ihrer Tuareg-Familie haben und kleine Geschenke mitbringen. Heimgekehrt, freut sich die Globetrotterin selbstredend jedes Mal auf ihr komfortables Bad. Auch ist sie gespannt, wie ihre aktuellen Fotos geworden sind. Und sie weiß ja, dass sie bald wieder zu Gast in ihrem Lieblingsrefugium sein wird.