Redaktion Halle-Nord

„Giebichensteiner Dichterparadies“

In Reichardts Garten nahmen Romantiker und Wissenschaftler gern Quartier

Mit dem Saaletal, der Heide und zahlreichen Parkanlagen besitzt die Stadt Halle eine Vielzahl von grünen Oasen. Dabei gehören Reichardts Garten, der Amtsgarten und der Botanische Garten zu dem denkmalpflegerisch-touristischen Netzwerk „Gartenträume“, das rund 50 historische Gärten und Parkanlagen in Sachsen-Anhalt umfasst. Über die Stadtgrenzen hinaus ist Reichardts Garten dabei wohl am bekanntesten.

Der vielgereiste Komponist, Publizist und Kapellmeister Johann Friedrich Reichardt (1752–1814) erwarb 1794 zwischen der Seebener Straße und Friedensstraße ein großes Grundstück, das überwiegend mit Obstbäumen bestanden war. Außerdem gehörte ein vierseitiger Gutshof dazu. Reichardt scheute keine Kosten und ließ die Anlage im Stil eines englischen Gartens umgestalten, wobei der Wörlitzer Park als Vorbild diente. Das hügelige, ansteigende Gelände bot dafür die besten Voraussetzungen. Ausblicke zur romantischen Burgruine Giebichenstein, ins Umland bis zum Petersberg und vom höchsten Punkt des Gartens sogar auf die Saale waren gewissermaßen eine willkommene Zugabe.

Reichardt ließ in seinem „paradiesischen Giebichenstein“, unterteilt in einen Tal- und einen Berggarten, Wege anlegen und verschiedene einheimische und ausländische Bäume, Sträucher und Rosen anpflanzen. Möglicherweise brachte er auch Pflanzenarten von seinen häufigen Auslandsreisen mit. Sonnenbeschienene Wiesen, ein Gemüsegarten, Felsengrotten, künstliche Ruinen und ein Bach belebten den Garten; Steinbänke luden zum Verweilen ein. Alles war jedoch dem umgebenden Landschaftsbild untergeordnet. „(Reichardt) wollte etwas im kleinen schaffen, das der Fürst von Dessau in Wörlitz, Goethe zu Weimar im großen geschaffen hatten“, schrieb 1924 der hallesche Regionalforscher Siegmar Baron von Schultze-Galléra.

Reichardts Wohnhaus und der Garten entwickelten sich schnell zu einem Treffpunkt für viele Künstler der Romantik und andere Größen dieser Zeit. In der sogenannten „Herberge der Romantik“ verkehrten oder lebten für längere Zeit zum Beispiel Achim von Arnim, Clemens Brentano, Ludwig Tieck, Friedrich Freiherr de la Motte-Fouqué, die Brüder Grimm und Schlegel, Jean Paul sowie Friedrich Schleiermacher, Novalis oder Johann Heinrich Voß. Keiner fehlte in diesen Sommermonaten aus dem Who’s Who der deutschen Romantik. Sie genossen den zauberhaften Garten, die Spaziergänge an der Saale, das lockere Zusammensein und den gemeinsamen Gedankenaustausch. Selbst Johann Wolfgang Goethe, der in Theaterangelegenheiten häufig in Bad Lauchstädt weilte, war ein gern gesehener Gast in Giebichenstein. Zwischen 1802 und 1804 war er wohl insgesamt dreimal zu Besuch und soll sogar einen Rosenstock gepflanzt haben. An seine Besuche erinnern noch heute eine „Goethe-Bank“ und verschiedene Gedenksteine mit Zitaten des bedeutenden Klassikers.

So war das „Giebichensteiner Dichterparadies“ über viele Sommer hinweg nicht nur ein Sammel- und Treffpunkt der Romantiker, sondern auch ein Mittelpunkt für Schöngeister, Künstler und Wissenschaftler. Die literarische Idylle fand jedoch ein schnelles Ende, denn der napoleonische Krieg machte dem „Giebichensteiner Dichterparadies“ ein Ende. Ab 1844 wurde der rund drei Hektar große Garten als erweiterter Kurpark von Wittekind genutzt, ehe er 1902 in städtischen Besitz überging und als „Bürgerpark“ der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hieß er dann wieder Reichardts Garten – in Erinnerung an seinen Schöpfer, von dem man 1947 auch eine Bronzebüste aufstellte. Vor einigen Jahren wurde hier ein Spielplatz angelegt. An den Parkzugängen befinden sich Informationstafeln.