Heimstätten-Anwohner besorgt

Ohnmachtsgefühl gegenüber Umweltzerstörung und massiver Bautätigkeit im Wäldchen

Nordöstlich der im halleschen Süden gelegenen Heimstättensiedlung liegt der Teil eines stattlichen Wäldchens, der den dortigen Bewohnern seit vielen Jahrzehnten als Refugium zur Erholung auf einer ehemaligen Bergbauhalde dient. Zahlreiche Vogel- und Insektenarten, Amphibien sowie Wildtiere wie Rehe und Wildschweine leben hier. Wiederum nordöstlich im Landschaftsschutzgebiet und in der Nähe der Alten Bodenkippe befinden sich zwei weitere, sukzessiv entstandene kleine Wäldchen, ein Bach sowie das „Blaue Auge“, dahinter Gartenanlagen. Öko-Betriebe bewirtschaften ein größeres Areal südlich der Bodenkippe, einer Deponie, die bereits zu DDR-Zeiten genutzt wurde. Im Jahr 2005 wurde das Gebiet im Flächennutzungsplan der Stadt als „Fläche für die Landwirtschaft“ ausgewiesen. Doch seit Längerem rumort es im Paradies …

Nördlich der Heimstättensiedlung hat sich vor Jahren die Außenstelle eines großen halleschen Bauunternehmens mit einem kontinuierlich wachsenden Fuhrpark angesiedelt. Die Firma hatte darüber hinaus offensichtlich einen größeren Flächenbedarf vor Ort für ihren Bauschutt und beantragte Anfang Oktober 2018 bei der Stadtverwaltung, die Eigentümer des Wäldchens ist, eine neue Deponie für sogenannte Inertabfälle der Deponieklasse DK 0 zu errichten (Abfälle, die sich physikalisch, chemisch oder biologisch kaum verändern). Parallel dazu fand sich das Bauunternehmen als Betreiber der Alten Bodenkippe nebenan bereit, diese stillzulegen.

Zwei getrennte Verfahren wurden daraufhin durch die Verwaltung eröffnet. Die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) nach Nr. 12.3 der Anlage 1 zum entsprechenden Gesetz für die neue Deponie ergab laut Information der Stadt von Ende Februar dieses Jahres, dass „keine erheblichen Umwelteinwirkungen auf die Schutzgüter des UVPG zu erwarten sind“. Es erfolge noch die Vollständigkeitsprüfung durch die beteiligten Behörden. Das Gebot zur Schließung der Alten Bodenkippe geht auf eine Weisung des Landesverwaltungsamtes zurück. Eine Information der Anlieger war ursprünglich nicht vorgesehen – Ende Februar dann scheinbar doch.

Diese unbekannte kristalline, grün-gelbe Masse lag unterhalb der massiv aufgeschütteten Alten Bodenkippe. (Foto: Gabriele Bräunig)
Diese unbekannte kristalline, grün-gelbe Masse lag unterhalb der massiv aufgeschütteten Alten Bodenkippe. (Foto: Gabriele Bräunig)

Bekam man plötzlich Angst vor den Bürgerprotesten? Denn vor einigen Wochen, so Anwohner der Heimstättensiedlung während eines Rundganges im Wäldchen Mitte März, habe der Baubetrieb – für sie und wohl auch die Öko-Betriebe „überraschend und klammheimlich“ – begonnen, Teile des angrenzenden Landschaftsschutzgebietes zu zerstören sowie die vorhandene Bodenkippen-Halde massiv zu erweitern. Ein Bodenaushub nördlich im Wäldchen hatte schon enorme Ausmaße angenommen. Die Umweltbeeinträchtigungen waren unübersehbar. Unterhalb des Baches lag zudem eine grün-gelbe kristalline Masse, die sich in den Händen von Detlef Förster, Siedlergemeinschaft Heimstättensiedlung Ammendorf, zerbröseln ließ.

Die Anwohner waren gleichermaßen erbost und unsicher, was denn nun in „ihrem“ Wäldchen passieren würde. Deshalb wandte sich die Siedlergemeinschaft unter Leitung von Ruth Günther Anfang Februar schriftlich an Oberbürgermeister Bernd Wiegand. Die Linke im Stadtrat stellte ebenfalls am 6. Februar zwölf Fragen an die Verwaltung zu Bodenkippe und neuer Deponie, die am 27. Februar durch diese beantwortet wurden. Zudem hatte CDU-Landtagsabgeordneter Thomas Keindorf das Wirtschaftsministerium Sachsen-Anhalt um Unterstützung für die betroffenen Bürger gebeten.

Einige Antworten der Stadtverwaltung vom 27. Februar auf die Fragen der Links-Fraktion bezüglich der Schließung der Alten Bodenkippe durch deren Betreiber klingen durchaus plausibel. So sollen mit der Aufschüttung der Bodenkippe deren Böschungen stabilisiert werden. Oder dass das Verlagern des alten Haldenkörpers an einen anderen Standort das „Problem des Flächenverbrauchs nicht lösen“ und neue, bisher unberührte Flächen ökologisch belasten würde. Gleichfalls wäre durch den Abtransport des Materials zu einem anderen Ort ein höherer Kohlendioxid (CO2)-Verbrauch zu verzeichnen. Ein weiteres Argument der Verwaltung: Die Infra­struktur sowie die Abfallbehandlungsanlagen am Standort seien bereits vorhanden. Im Übrigen hätten die Öko-Betriebe von Anfang an gewusst, dass sich in ihrer unmittelbaren Umgebung eine alte DDR-Deponie befinde.

Am Übergang der Heimstättensiedlung zum Wäldchen ziehen sich Risse durch Häuser und Straßen. (Foto: Gabriele Bräunig)
Am Übergang der Heimstättensiedlung zum Wäldchen ziehen sich Risse durch Häuser und Straßen. (Foto: Gabriele Bräunig)

Und doch stellen sich die Anwohner der Heimstättensiedlung viele, viele Fragen zu Bodenkippe und vor allem neuer Deponie: Weshalb sind wir nicht über die Pläne des Bauunternehmens informiert, nicht darin einbezogen worden? Muss man das dortige geschützte Biotop wirklich dermaßen zerstören? Weshalb werden fast vier Hektar der beiden, sukzessiv gewachsenen kleineren Wäldchen neben der Alten Bodenkippe vernichtet? Zumal das Gebiet doch als Landwirtschaftsfläche eingestuft wurde. Woher kommt das Material für die sich erweiternde Halde, und ist es tatsächlich so ungefährlich wie behauptet? Ist es Zufall, dass zur selben Zeit, als die Bodenkippe rapide aufgefüllt wurde, kontaminierte Erde und Schutt vom Holzplatz wie vom künftigen Globus-Markt in der Dieselstraße abgefahren wurde? Wird unter Umständen doch kontaminiertes Wasser von der Halde in das „Blaue Auge“ laufen? Denn östlich der Alten Bodenkippe sind ein Speicherbecken sowie ein Überlaufkanal für Oberflächenwasser in das Gewässer geplant. Was wird in den Bodenaushub verfüllt? Ist es richtig, dass dort auch Rotklärschlamm hinein kommen soll, der wohl in der Aluminiumindustrie anfällt, wie Detlef Förster vermutet? Wie nah wird die neue Deponie an die Öko-Betriebe heranreichen?

Und, was die Anwohner der Heimstättensiedlung seit vergangenem Jahr noch sehr bewegt: Was ist, wenn die Risse in den Häusern und auf den Straßen in unmittelbarer Nachbarschaft der Baumaßnahmen doch von der dadurch veränderten Bodenstruktur kommen und nicht (nur) durch den ehemaligen Bergbau oder den sehr trockenen Sommer 2018 verursacht wurden? Sollen die Anwohner die horrenden Kosten für entsprechende Gutachten selbst tragen? Das Wirtschaftsministerium sieht laut Antwort an Thomas Keindorf von Mitte März bisher „keinen akuten Handlungsbedarf“, denn es seien mutmaßlich nicht viele Schäden an Häusern und Straßen gemeldet worden. Das Abtun des Problems hält der CDU-Abgeordnete freilich für verfrüht. Sein Fazit zur Vorgehensweise der Stadtverwaltung in Bezug auf die zunächst abgewehrte Bürgerbeteiligung: „Durch meine Gespräche vor Ort sind mir die Sorgen von Anwohnern in der Heimstättensiedlung bekannt. Die Folgen der aktuell zu beobachtenden Bautätigkeit am Nordrand der Siedlung werden ebenso hinterfragt, wie das Auftreten von massiven Rissbildungen an Hauswänden und Straßen südlich der Halde. Hier stehen zunächst Stadt und Land in der Verantwortung, die Ursachen zu finden. Außerdem werden Schäden für Mensch und Umwelt durch die ehemalige Kampfstoffmittelfabrik Orgacid befürchtet. Alle drei genannten Ereignisse sorgen bei den Anwohnern für eine erhöhte Sensibilität.“ Das Beispiel nördlich der Halde zeige, so Keindorf, wenn man solche Maßnahmen am Bürger vorbei plane und beginne, dann könne das zu Frustrationen gegen „die da oben“ führen. Es ist also weiterhin mit starkem Gegenwind durch die Ammendorfer zu rechnen. Die Siedlergemeinschaft Heimstättensiedlung hat Ende Februar eine Interessengemeinschaft zu all den oben angesprochenen Themen gegründet und eine Bürgerversammlung noch vor Ostern geplant, zu der auch Vertreter von Stadtverwaltung und Landesregierung eingeladen werden sollen.