„Hmmm, heute gibt‘s Schoko-Pudding!“

Fast 1.000 Mal „Gesundes Frühstück an Grundschulen“ an jedem Schultag

Wer in Halle regelmäßig Grundschulen besucht, erfährt dort immer wieder, dass viele Kinder oft nichts zum Essen mit in die Schule bekommen. Beinahe jedes dritte Kind geht sogar bereits früh mit leerem Magen zum Unterricht. Lehrer, Schulleiter sowie Halles Stadtverwaltung leiden gleichermaßen unter diesem Zustand. Die Kinder haben bis zum Schulschluss Hunger. Und jeder weiß doch: Ein leerer Bauch lernt nicht gern.

Immerhin mehr als ein Lichtblick: Die Ini­tiative „Gesundes Frühstück an Grundschulen“ der Stadt, mit der seit dem Kindertag 2011 in Halle jährlich bis zu knapp 1.000 Mädchen und Jungen in den Genuss einer Gratis-Frühstücksversorgung an ausgewählten Grundschulen kommen. Das sind zehn Prozent aller Grundschüler im Stadtgebiet.

Mehr als 20.000 Kinder unter 14 Jahren leben in der Saalestadt unter der Armutsgrenze. Das heißt, dass den entsprechenden Haushalten weniger als 60 Prozent des mittleren gewichteten Netto-Einkommens zur Verfügung steht. (Armutsgrenze 2016, zum Beispiel Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren = 1.926 Euro monatlich). Besonders betroffen sind Mädchen und Jungen beispielsweise in Halle-Neustadt, auf der Silberhöhe, in der Südstadt sowie in Heide-Nord. Halle zählt damit zu den zehn kreisfreien Städten in Deutschland mit der meisten Kinderarmut.

Eigentlich scheint es schier unmöglich, dass Kinder in einem der reichsten Länder der Erde hungern müssen. Leider ist es tatsächlich so; Tendenz: steigend. Die Ursachen sind vielschichtig: Langanhaltende Arbeitslosigkeit der Eltern gehört hauptsächlich dazu. Kinderreiche Familien sind auf dem Arbeitsmarkt außerordentlich benachteiligt; Alleinerziehende ebenso. Zumeist können letztere lediglich in Teilzeit arbeiten. Und hier sind auch nicht selten Unterhaltsausfälle zu verzeichnen. Vor allem gering Qualifizierte erhalten, wenn sie denn einen Job finden, wenig Lohn. Personen mit Migrationshintergrund vereinen zudem oft mehrere der genannten Gründe in sich. Und oft ist da am Ende des Geldes noch viel zu viel Monat übrig …

Goswin van Rissenbeck, Leiter des städtischen Betriebes für Arbeitsförderung. (Foto: Gabriele Bräunig)

Im Rahmen der Initiative „Gesundes Frühstück an Grundschulen“ arbeitet die Stadtverwaltung, namentlich der Eigenbetrieb für Arbeitsförderung, mit dem Jobcenter sowie dem Beruflichen Bildungswerk (BBW) in Reideburg (Paul-Singer-Straße 56) nun inzwischen seit sieben Jahren zusammen, um Grundschulkindern in Halle wenigstens eine Mahlzeit am Tag zu garantieren.

44 Klassen in vier Grundschulen (Am Kirchteich, Kastanienallee, August Hermann Francke, Karl Friedrich Friesen) profitieren gegenwärtig von dem Projekt.

Die beiden Halle-Neustädter Grundschulen sind von Anfang an dabei; die „Grundschule Silberwald“ sowie die „Grundschule Hanoier Straße“ auf der Silberhöhe konnten sich innerhalb der ersten Förderperiode von 2011 bis 2014 ebenfalls bereits über das „Gesunde Frühstück“ freuen. Denn zu den maßgebenden Kriterien gehörte, dass die Bildungseinrichtungen den höchsten Anteil an Kindern aus Arbeitslosengeld II beziehenden Familien sowie aus Familien mit Migrationshintergrund zu verzeichnen haben.

Zwölf Mitarbeiter sind über den städtischen Eigenbetrieb im Rahmen der „Sozia­len Teilhabe“ am Beruflichen Bildungswerk angestellt, um aus Zutaten wie Vollkornbrot, Margarine, Geflügelwurst, Käse oder Frischkäse, Obst, Gemüse sowie Joghurt, Quark, Pudding oder Apfelmus etwas gleichermaßen Gesundes und Wohlschmeckendes zuzubereiten. Möhrensalat wird immer wieder sehr gern genommen. Zu Festtagen wie Ostern, Kindertag oder Weihnachten gibt es auch mal eine kleine Sonderportion Kekse oder Pfefferkuchen.

Drei der Mitarbeiter sind zusätzlich mit der Logistik der von den Kids ersehnten Frühstücksportionen betraut.

Da heißt es, zeitig aufzustehen, damit die leckeren und gesunden Päckchen von Montag bis Freitag rechtzeitig zur ersten Hofpause an die vier Schulen kommen. Bereits früh vor 6 Uhr stehen die Frauen und Männer in der Küche des BBW, um die zahllosen Frühstücksboxen zu füllen. Sie sind froh und stolz, für drei Jahre eine gut bezahlte Arbeitsgelegenheit zu haben und damit auch noch etwas für Kinder tun zu können. Und an das zeitige Aufstehen gewöhne man sich, so hört man allenthalben. Selbst aus dem Süden sowie aus Trotha kommen die Kollegen. Alle haben sich freiwillig für das Projekt entschieden.

Bereits kurz vor 6 Uhr am Morgen bereiten im Beruflichen Bildungswerk an jedem Schultag zwölf fleißige Hände knapp unter 1.000 gesunde Frühstücksportionen für Kinder an vier Grundschulen in Halle vor. (Foto: Gabriele Bräunig)

„Treffpunkt Stadtteil“ besuchte in der vorletzten Januarwoche zudem die Grundschule „Am Kirchteich“ (Telemannstraße 9) in der ersten Hofpause. Die Kinder dort konnten es kaum erwarten, die an diesem Tag mit Geflügelwurst belegten Vollkornschnitten sowie eine eher seltene Süßspeise in Empfang zu nehmen. „Hmmm, heute gibt es mal Schoko-Pudding!“ Dieser Satz machte schnell die Runde. Die Mädchen und Jungen nehmen das Frühstück gern an. Was übrig bleibt, wird mit nach Hause gegeben oder kommt im gegenüberliegenden Hort noch jemandem zu Gute. Und bei den rührigen Küchenhelfern im Beruflichen Bildungswerk landen dann auch hin und wieder kleine, hübsche Zeichnungen mit einem Lob und einem Dankeschön darauf.

Schirmherrin der Initiative „Gesundes Frühstück an Grundschulen“ ist die ehemalige hallesche Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados, die sich auch heute noch stetig über den Stand der Dinge informiert. Das Geld stammt, nach der Beendigung der „Bürgerarbeit“, nun seit dem Schuljahr 2015/2016 aus dem Bundesförderprogramm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Aus diesem Topf werden die Personalkosten wie die arbeitsplatzbezogenen Sachkosten bestritten. Zudem werden nach Auskunft von Goswin van Rissenbeck, Leiter des Eigenbetriebes, Spendengelder von Unternehmen, aber gleichfalls Privatpersonen für die nötigen Lebensmittel eingeworben. Diese kosten rund 90.000 Euro pro Jahr und bilden 23 Prozent der Gesamtkosten. Der Verein „Wir helfen“ sowie die beiden in der Saalestadt ansässigen Rotary-Clubs unterstützen das Projekt beispielsweise maßgeblich.

Nach der Schnitte besonders lecker: Der heiß geliebte Schoko-Pudding, den (fast) jedes Kind gerne mag. (Foto: Gabriele Bräunig)

Die Stadt Halle würde am liebsten an allen ihren Grundschulen gratis Frühstück zur Verfügung stellen, aber die Kosten dafür beliefen sich auf über zehn Millionen Euro im Jahr. Dieses Geld ist nicht vorhanden. Die Förderung der Initiative läuft nun leider auch erst einmal im November aus. Goswin van Rissenbeck hofft jedoch, dass es auch mit der neuen Bundesregierung eine Lösung für die zahlreichen Kinder gibt, die auf gespendetes Essen angewiesen sind. Doch das kann dauern. Spenden werden zudem schon jetzt laufend von interessierten Menschen gebraucht, um gesunde Nahrungsmittel für die rund 1.000 Grundschüler in Halle einzukaufen. (Spendenkonto: „Gesundes Frühstück“; Berufliches Bildungswerk; IBAN: DE48 8005 3762 1894 0236 99; BIC: NOLADE21HAL) Händler, die ebenfalls ein großes Herz haben und Obst oder Gemüse gratis für das Projekt abgeben möchten, können sich gern beim Eigenbetrieb für Arbeitsförderung (Tel.: 0345/581-4980) oder beim BBW (Tel.: 0345/564970) melden. Danke – für unsere Kinder!