Imposantes Zehneck mit Blick bis Leipzig

Wasserturm Süd von einst und heute – Steigender Bedarf erforderte vor 90 Jahren Neubau

Der Wasserturm Süd am Lutherplatz ist das markante Wahrzeichen im Süden von Halle. Mit seinen knapp 46 Metern bestimmt er die Silhouette der umliegenden Stadtviertel. Die Wenigsten wissen allerdings, dass es bereits einen Vorgängerbau gab. Dieser 1867/1868 errichtete Turm aus gelbem Sandstein hatte die äußere Form eines regelmäßigen Achtecks mit Verstärkungspfeilern. Der 26,5 Meter hohe Turm gliederte sich in zwei Stockwerke, die mit Rundbögen-Zwillingsfenstern versehen waren – also ganz im Baustil des Historismus.

Auf eine reich verzierte Fassade (mit Ausnahme einiger Klinkerverzierungen) wurde jedoch aus wirtschaftlichen Gründen verzichtet. Der zylindrische Flachbodenbehälter aus Schmiedeeisen befand sich in einer Höhe von 16 Metern und hatte ein Fassungsvermögen von 464 Kubikmetern. In der Folge siedelten sich rund um den Wasserturm einige Industriebetriebe wie Maschinenfabriken und Eisengießereien an.

Dieser gewerbliche Charakter der Umgebung blieb bis in die 1920er Jahre erhalten. Erst in den Jahren 1927 bis 1929 entstanden rund um den Lutherplatz 166 neue Häuser. Die „Siedlungsgesellschaft für den Reichsbahndirektionsbezirk Halle“ und der „Bauverein für Kleinwohnungen“ bauten rund 2.000 Wohnungen in den drei- bis viergeschossigen Häusern. Damit stieg die Zahl der Wasserabnehmer in Halles Süden enorm an. Außerdem waren die neuen Wohngebäude meist dreigeschossig und damit höher als die flachen Industrieanlagen, sodass der Wasserdruck nicht mehr ausreichte. Der alte Wasserturm war den höheren Anforderungen nicht mehr gewachsen und ein Umbau nicht rentabel. So entstand 1927/1928 nach den Konstruktionsplänen des Bauingenieurs Oskar Muy der neue Wasserturm Süd. Die architektonische und künstlerische Gestaltung blieb allerdings in den Händen des hallischen Stadtbaurates Wilhelm Jost. Mit 45,65 Meter Höhe war der neue Wasserturm fast doppelt so hoch wie sein Vorgänger. Auch das Fassungsvermögen von 2.000 Kubikmeter übertraf die Speicherkapazität des alten Wasserturmes um ein Vielfaches. Die Versorgung des Wasserturms übernahm das Wasserwerk Beesen. Außerdem wurde er mit dem Wasserturm Nord verbunden, der schon 1897/1898 am Roßplatz zur Versorgung der nördlichen Stadtteile errichtet worden war. So sollte eine stabile Trinkwasserversorgung der Stadt gewährleistet werden.

Der Wasserturm Süd in Form eines Zehnecks ist mit blau-roten Buntklinkern verkleidet. Das Innere besteht aus einzelnen Funktionseinheiten. So dient das 6,60 Meter hohe Erdgeschoss als Eingangshalle, an deren Decke sich eine Öffnung befindet, die einen Blick in den Turmschaft gewährt. Der Wasserbehälter aus Stahlbeton wurde aus einem Stück gefertigt und ruht auf 20 Stahlbetonpfeilern, wobei durch seine Mitte eine Wendeltreppe führt. Nach 189 Stufen erreicht man einen Kuppelraum, der mit seinem Aussichtsumgang ursprünglich als Restaurant geplant war. Auch zu Unterrichtszwecken (für das Fach Heimatkunde) sollte dieses Obergeschoss genutzt werden.

Von dieser Aussichtsplattform hat man nach allen Himmelsrichtungen nicht nur einen wunderbaren Blick auf das Lutherviertel, sondern auch auf den Südteil der Saalestadt. Bei guter Fernsicht kann man am Horizont sogar das Leipziger Völkerschlachtdenkmal, die Halden des Mansfelder Landes oder den Brocken ausmachen. 1969 wurde diese Plattform jedoch geschlossen. Erst nach der politischen Wende 1989 und dann folgenden umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde sie der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht und zumeist am Tag des offenen Denkmals geöffnet.

Der bis heute als Wasserhochbehälter betriebene Wasserturm Süd gilt als beeindruckendes Beispiel für die funktional-expressive Backsteinarchitektur der 1920er Jahre. Ergänzt wurde der Baukörper schließlich durch einen angeschlossenen Tiefwasserbehälter und ein südlich angebautes Umspannwerk. In den 1930er Jahren kam es rund um den Wasserturm zu weiteren Baumaßnahmen – unter anderem an der südlich gelegenen Dreieinigkeitskirche – und zur Endgestaltung des Lutherplatzes, der nun den Siedlungsmittelpunkt des Wohngebietes darstellte. Als Kreuzungspunkt von Liebenauer- und Turmstraße bildet der Platz bis heute ein sechsstrahliges Straßenkreuz, von dem die Straßen in alle Himmelsrichtungen ausgehen.