Redaktion Halle-Nord

In Stein gehauene Romantik

Giebichensteinbrücke verbindet urbane und rurale Landschaft

Die Giebichensteinbrücke (auch Kröllwitzer Brücke) mit der altehrwürdigen Burg Giebichenstein dahinter ist das wohl bekannteste Postkartenmotiv der Stadt. Beide sind Synonym für Halle und die Saale und ihre eng miteinander verwobene Geschichte. Für den Straßenverkehr der Stadt ist die Giebichensteinbrücke von enormer Bedeutung; schließlich überqueren hier wochentags über 20.000 Autos die Saale.

Am Fuß der Burg Giebichenstein überspannt die Brücke die Saale zwischen Rive-Ufer und Amselgrund – verbindet das nördliche Stadtzentrum von Halle mit den Stadtteilen Kröllwitz, Dölau, Lettin und Heide-Nord. Jahrhundertelang erfolgte hier der Saaleübergang mit einer Fährverbindung, wie sie auf historischen Stichen abgebildet ist. 1870 wurde eine Pontonbrücke erbaut, die 1882 durch eine Stahlbrücke mit einem gewaltigen Fachwerkbogen ersetzt wurde. Dieses „Monster“ fand bei der halleschen Bevölkerung wenig Zustimmung; sie störte das romantische Landschaftsbild des Saaletals empfindlich. So wurde sie schließlich wieder abgerissen und von 1926 bis 1928 durch die heutige Giebichensteinbrücke ersetzt. Der Neubau war aber nicht nur auf die Romantik-Liebe der Hallenser zurückzuführen, sondern auch eine Notwendigkeit durch das steigende Verkehrsaufkommen.

Neben dem städtischen Bauamt wirkte auch Paul Thiersch, Leiter der Kunstgewerbeschule Halle an der Burg Giebichenstein, als künstlerischer Berater an dem Entwurf mit. Die vierteilige Stahlbeton-Massivkonstruktion ist insgesamt 261 Meter lang, wobei der Hauptbogen, der die Saale allein überspannt, eine Spannweite von 60 Metern hat. Die Fahrbahn ist 16,5 Meter breit. Die relativ flache Brücke fügt sich harmonisch in die Saalelandschaft ein und bildet einen interessanten Kontrast zur Burg Giebichenstein auf dem dahinter steil ansteigenden Felsen. Auf den als Eisbrechern fungierenden Südwestpfeilern stehen zwei monumentale Betonplastiken, „Kuh“ und „Pferd“ von dem Bildhauer Gerhard Marcks. Sie sollen ein symbolischer Brückenschlag zwischen dem städtischen Halle und dem ländlichen Kröllwitz sein. Vor kurzem erschien im Hasenverlag die Publikation „Marcks kann lachen“, in der auch die Werkphasen der beiden Skulpturen näher beleuchtet werden. Im Jubiläumsjahr „100 Jahre Bauhaus“ gehört die Giebichensteinbrücke zur bundesweiten „Grand Tour der Moderne“, die bedeutende und zugängliche Gebäude des 20. Jahrhunderts verbindet.

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, am 14. April 1945, sprengte die deutsche Wehrmacht den Hauptbogen der Giebichensteinbrücke, um amerikanische Truppen am Vordringen zu hindern. Jahrelang waren die Hallenser und besonders die Kröllwitzer nun wieder auf einen Fährbetrieb angewiesen. Für den Gütertransport wurde eine Pontonbrücke installiert, die ausschließlich Fahrzeugen vorbehalten war. 1949 wurde die Giebichensteinbrücke schließlich wieder in der alten Form, jedoch mit neuer Statik aufgebaut. Der umfassenden Sanierung von 1993 bis 1995 folgte schon 20 Jahre später die Erneuerung von Fahrbahn und Fußwegen sowie der Gesimsbereiche und Geländer. In den kommenden Monaten verschwindet die Brücke wieder hinter Baugerüsten und Planen; bis zum Juli 2020 werden Hochwasserschäden beseitigt.

Seit 2016 ist die Giebichensteinbrücke um ein Highlight reicher. Im Rahmen des Laternenfestes findet hier das Brückenspringen statt. Unter dem Beifall von Tausenden von Schaulustigen zeigen Halles Vize-Olympiasieger und Sportlegende Andreas Wels plus eine Schar mutiger Springer tollkühne Sprünge in die Saale. Damit wird eine alte Tradition der Halloren wiederbelebt, für die das Brückenspringen eine Mutprobe war.