Redaktion Halle-Nord

Intensiv-Wellness: „Eine Stadt tanzt“

Irina Tomow trainiert mit Leidenschaft im neuen Projekt der Bürgerstiftung Halle

Das Tanzen sitzt uns scheinbar in den Genen. Schon Kleinstkinder bewegen ihren Körper anmutig und freudvoll, wenn sie Musik hören – ohne dass sie es je ernsthaft und lange hätten üben müssen. Alte Völker nehmen seit Urzeiten über Tänze Kontakt zu ihren Ahnen oder Göttern auf, von denen sie sich Unterstützung in allen Lebenslagen erhoffen.

Auch der moderne Mensch tanzt noch gern, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, Transzendenz zu erleben und sich lebendig zu fühlen. Doch diese kindliche Unbefangenheit geht ihm leider allzu oft im Laufe des Lebens verloren – durch Stress in Alltag und Arbeit.

Irina Tomow aus dem Paulusviertel hingegen probiert gern immer mal wieder etwas Neues aus, um ihren Alltag zu durchbrechen, diesen zu bereichern, interessante Menschen kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen etwas zu bewirken. So trainiert sie seit dem Sommer jeden Montagabend im Rahmen des Projekts der Bürgerstiftung Halle „Das Fest – Eine Stadt tanzt“ in der „Theatrale“.

Die aus Eisenach (Thüringen) stammende Wahl-Hallenserin Irina Tomow bezeichnet die Ur-Saalestädter wohlwollend als liebevoll-schroffes Völkchen. Dies bringe man am besten auf die Beine, in Bewegung plus in Beziehung zueinander, indem man es zu im selben Maße sinnvollen wie heiteren Aktivitäten unter Gleichgesinnten einlade. Und dafür sei das neue Projekt „Das Fest – Eine Stadt tanzt“ der Bürgerstiftung Halle prima geeignet, ist sich die 45-Jährige sicher. Seit einem knappen halben Jahr erarbeiten hier an jeweils drei Abenden pro Woche in der „Theatrale“ inzwischen rund 130 Frauen, Männer und Jugendliche in fünf Gruppen eigene Choreografien, die in ein gemeinschaftliches Stück münden sollen. Angeleitet werden die Eleven durch Mevlana und Be van Vark vom Verein „Tänzer ohne Grenzen“. Die jüngste Tänzerin ist zarte 15, die älteste stolze 91 Jahre alt. Einige Teilnehmer haben bereits vorher getanzt, andere nicht. Wohl kaum jemand verfügt wohl beruflich über Bühnenerfahrung.

Blick in die „Theatrale“ während einer der Proben. (Foto: Bürgerstiftung Halle)
Blick in die „Theatrale“ während einer der Proben. (Foto: Bürgerstiftung Halle)

Das Anliegen der Bürgerstiftung ist es wie immer auch bei diesem neuen Projekt, ganz unterschiedliche Menschen auf Augenhöhe zusammenzuführen, die alle gemeinsam an etwas Besonderem teilhaben. Bei „Eine Stadt tanzt“ bringt jeder seine individuellen Talente, seine Kreativität, seine Erfahrungen plus Emotionen in das Stück mit ein – ungeachtet seines Alters, Geschlechts sowie seiner sozialen oder nationalen Herkunft. Und selbstverständlich solle das gemeinsame Tanzen ebenfalls das soziale Miteinander fördern, so Nicole Walldorf von der Bürgerstiftung. Ganz im Sinne der 2019 hundertjährigen Bauhaus-Festkultur, welche die Stiftung mit dem Projekt würdigen möchte. Auch Irina Tomow ist überzeugt: „Wichtig ist es doch auch in Halle, entsprechend des Bauhausgedankens Künstler und Stadtbewohner durch das gemeinsame Feiern besonderer Feste zusammenzubringen, Begegnung dort möglich zu machen, wo es uns manchmal schwerfällt.“

Die Kita-Leiterin, die in Halle Germanistik und Kunstgeschichte studierte, als Verantwortliche für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit tätig war und vor ein paar Jahren eine weitere Ausbildung als staatlich anerkannte Erzieherin absolvierte, ist weltoffen sowie vielfältig interessiert. Und ein langweiliges Leben ist ihr gewiss nicht gemäß. Die begeisterungsfähige Mittvierzigerin und Mutter eines zehnjährigen Sohnes hat beispielsweise als Zirkuspädagogin gelernt, mit Feuer umzugehen und orientalischen Tanz zu zelebrieren.

Irina Tomow – gerade in einer „anderen Welt“. (Foto: Bürgerstiftung Halle)
Irina Tomow – gerade in einer „anderen Welt“. (Foto: Bürgerstiftung Halle)

Ihre Liebe zum Tanzen habe Frau Tomow zwar erst im Erwachsenenalter entdeckt, dafür tanze sie an den Montagabenden jetzt gern gleich einmal zwei Stunden durch, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Das liege wohl auch daran, dass sie Balkanblut in sich habe, erklärt sie schmunzelnd.

Und die Teilnahme am Projekt sei für sie stets wie ein Intensiv-Wellness-Programm. Dabei tauche sie jedes Mal ein in eine komplett andere Welt, in der sie vom alltäglichen Wechsel zwischen Büro und Kita-Gruppen gut abschalten könne. „Innerhalb von zehn Minuten bin ich wunderbar entspannt“, resümiert die lebensbejahende Hallenserin. Wichtig für Irina Tomow ist es gleichermaßen, dass sie zu den Trainingsstunden auch einmal von ihrem „Elfenbeinturm“ der verantwortungsvollen beruflichen Tätigkeit herunter steigen, anderen Menschen im ganz normalen Leben in die Augen schauen könne. Das sei sehr aufregend. Auch müsse man keine Angst haben, beim Tanzen zu versagen, weil man vielleicht etwas zu ungelenk oder nicht schlank genug sei, um sich in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Frau Tomow: „Man sieht in die Gesichter der anderen, bemerkt, dass sie genauso angespannt sind wie man selbst, und dann löst ein Lachen alle Verkrampfung. Wir fühlen uns als Seelenverwandte und lachen sehr viel zusammen.“ Vor allem aber nehme sie an dem Bürgerstiftungsprojekt teil, um der alltäglichen nüchternen Distanz etwas entgegenzusetzen, ergänzt sie nachdenklich. „Beim Tanzen sind wir alle gleich.“

Zum Abschluss des Projektes Mitte Februar 2019 plane die Bürgerstiftung drei große Aufführungen im Opernhaus, zu denen alle Interessierten herzlich eingeladen seien, betont Nicole Walldorf. Karten seien bereits jetzt an der Theaterkasse der Bühnen Halle zu haben.

Wer finanziell etwas Gutes für „Das Fest – Eine Stadt tanzt“ tun möchte, dem sei eine Spende für die Bürgerstiftung Halle empfohlen (Saalesparkasse, IBAN: DE69 8005 3762 1894 0613 45; BIC: NOLADE21HAL). Die Bürgerstiftung benötigt für das Projekt insgesamt 50.000 Euro. Die Stiftung der Saalesparkasse verdoppelt alle Spenden, die bis zum 31. Dezember 2018 bei der Bürgerstiftung eingehen, bis zu einer Höhe von 25.000 Euro.