Irrsinniger Plan forderte ein junges Leben

Am 14. April jährt sich zum 75. Mal die Befreiung Dölaus durch US-Armee

Mein Freund Hilmar Thate und ich standen am 14. April 1945 in unserem Hof. Dieser Tag war mein 14. Geburtstag. Da kam „Bello“, so nannte man den Sohn des Kreisleiters der NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) des Saalkreises, mit dem offenen Pkw seines Vaters bei uns vorgefahren. Er forderte uns auf, mit ihm zu kommen, um in Friedeburg an der Saale die Amerikaner aufzuhalten und den Krieg zu gewinnen. Im Auto lagen vier Panzerfäuste sowie Gewehre und Pistolen mit dazugehöriger Munition. Wir sahen „Bello“ an, hielten ihn für verrückt und sagten „Nein!“.

Wutentbrannt fuhr er alleine los. An der Saale wurde er von SS-Leuten davon gejagt. Er kam zurück und sah von der Salzmünder Straße den Staub, den die Panzer und Fahrzeuge der Amis aufwirbelten. Da entschloss er sich, zu „Walters Wäldchen“ nahe dem Bahnhof Dölau zu fahren. Den Wagen ließ er auf dem Köllmer Weg stehen und ging mit den Waffen, die er tragen konnte, zum Wäldchen. Von dort aus sah er die Kolonne. Er zögerte nicht und feuerte eine Panzerfaust auf das Führungsfahrzeug.

Zum Glück traf er nicht. Das Geschoss schlug vor dem Jeep im Chausseegraben ein. Die Kolonne hielt, Soldaten sprangen ab, schwärmten aus und suchten den Schützen.
Ein Stoßtrupp kam den heutigen Krankenhausberg herunter, sah links das Haus im Park und stieß auf ein Mädchen, das gerade das Tor aufschloss und bereits im Garten stand. Es war die 15-jährige Evi Kühn, die Tochter des Autofabrikbesitzers. Sie kam mit dem Fahrrad, bepackt mit Beuteln voller Lebensmittel. Diese wurden mit dem Opel-Blitz der Feuerwehr von Kähnen geholt, die in Pfützthal mit Vorräten lagen. Im „Konsum“ wurden diese dann an die Bevölkerung verteilt.

Die Soldaten hielten das Mädchen an, das von dem ganzen Vorgang keine Ahnung hatte, und fragten sie nach Waffen. Evi, die gut englisch sprach, verneinte und beteuerte ihre Unschuld. Einer der Amerikaner spielte mit seiner Pistole vor ihr herum. Da löste sich plötzlich ein Schuss, schlug auf einen Findling und traf als Querschläger Evis Herz. Sie fiel um und war sofort tot. Von diesen Umständen erfuhr ich von einem Amerikaner, der während des Geschehens vor Ort war.

Das Glück im Unglück für den Ort war das weiße Bett-Tuch, das Dr. Brand auf seinem Fabrikschornstein hissen ließ. Es fiel daraufhin kein Schuss mehr und die US-Truppen besetzten Dölau. Damit war für uns der Krieg beendet. „Bello“, also Erich Marquardt, wurde zwar ungewollt, aber durch seine fanatische Dummheit zum Mörder.

Hans-Dieter Marr