Jeder Strich ein Unikat

Bürger-Kunstwerk in Heide-Nord

„Mutti, guck mal, das da oben ist mein Strich!“ Die Idee war genial und deren Umsetzung – trotz Gemeinschaftswerk – sehr individuell. Anfang Juni rief die Hallesche Wohnungsgesellschaft mbH (HWG) alle kleinen und großen Bewohner von Heide-Nord auf, an einer Fassade im Aalweg 17 ihr eigenes Kunstwerk zu schaffen – frei nach der Vorlage der Kunstpädagogik-Studentin Lisa Brockmann.

Diese überzeugte die Jury im Rahmen eines Wettbewerbs des größten halleschen Vermieters Anfang Januar mit ihrem Entwurf „Strichcollage“ sowie ihrem Konzept der Bürgerbeteiligung.

„Eine Fassade ist eine Fassade ist eine Fassade“ – während dieser Lehrveranstaltung zum Thema Kunst am Bau sollten sich BURG-Studierende im Vorjahr unter Leitung von Stella Geppert, Professorin für künstlerische Praxis im Studiengang Kunsterziehung/Kunstpädagogik an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle, damit auseinandersetzen, was Kunst am Bau bedeutet, wie man ausgewählten Entwürfen in den unterschiedlichen Stadtteilen Gestalt verleihen sowie deren Anwohner aktiv in die künstlerische Ausführung mit einbeziehen könnte. Die HWG, die seit vier Jahren das Kunst- und Vermittlungsprojekt „+Olearius“ in der gleichnamigen Straße Nummer 9 fördert, schrieb in diesem Jahr den Kunstwettbewerb sowohl für Heide-Nord als auch für die Silberhöhe aus.

Die Kunstpädagogik-Studentin Lisa Brockmann entwarf die Vorlage für die Fassadengestaltung am Aalweg 17. (Foto: Gabriele Bräunig)

Insgesamt reichten die Studierenden 14 Entwürfe zur Fassadengestaltung in den beiden Stadtteilen ein. Die Aufgabe erwies sich als gar nicht so einfache Angelegenheit, denn die Formate der Kunstwerke mussten freilich gigantisch konzipiert werden. Dabei konnte sich Lisa Brockmann, die noch drei Jahre an der BURG sowie an der Martin-Luther-Universität Kunstpäda­gogik sowie Hispanistik studieren wird, über den Zuschlag für Heide-Nord freuen. 150 lange schwarze Striche sollten, entsprechend ihrem Entwurf, auf der Hauswand im Aalweg Platz finden und durch Anwohner aufgetragen werden. Im Vorfeld der Aktion stellte das „Strichcollage“-Team der BURG das Projekt interessierten Bürgern vor – eine spannende Arbeit für Lisa Brockmann, denn zurzeit ist es der 23-Jährigen aus Cuxhaven nach eigenen Aussagen sehr wichtig, Lebens- wie berufspraktische Erfahrungen zu sammeln.

„Hauptsache senkrecht!“, so Lisa Brockmanns Zielvorgabe für die Laien-Künstler, die sich am Nachmittag des 8. Juni am Fünfgeschosser Aalweg 17 einfanden. Egal, ob dick oder dünn, ob von unten nach oben gezogen oder umgekehrt, ob mit oder ohne Zwischen-Punkt. Niemand musste exakt nach dem Entwurf der jungen Frau malen – hingegen jeder mit riesigem Pinsel und schwarzer Farbe. Vor allem die Mädchen und Jungen aus der Kita Schafschwingelweg und vom Trägerwerk Soziale Dienste hatten sichtlich Spaß an dieser Aktion. Für viele Kinder aus Heide-Nord war es wohl auch der erste, aber faszinierende Kontakt mit abstrakter Kunst.

Lisa Brockmann beschreibt ihre künstlerische wie soziale Intention der „Strichcollage“ so: „Der Strich ist die einfachste Form in einer Zeichnung oder in der Schrift. Niemand benötigt Vorkenntnisse, um einen Strich zu malen. Und jeder Mensch zeichnet seinen ganz eigenen Strich. Wenn ganz viele Personen gemeinsam ihre individuellen Striche auf eine Hausfassade malen, dann entsteht dadurch ein künstlerisches Gemeinschaftswerk, das sie verbinden und ihre Identifikation mit dem Stadtteil befördern soll. Außerdem wertet ein Kunstwerk am Bau das gesamte Wohnumfeld auf.“ Damit ist auch das Anliegen der HWG auf den sprichwörtlichen Punkt gebracht.