Jegliches hat seine Zeit

Halles Südfriedhof: Vor 130 Jahren eingeweiht

Was scheint durch häufiges Benutzen stumpf geworden und dringt doch zuweilen spitz und scharf in unser Sein? Das ist der Satz „Der Tod gehört zum Leben.“ Für Menschen wie Andreas Herzig ist er Alltag. Seit über 30 Jahren arbeitet er auf dem halleschen Südfriedhof an der Huttenstraße, rund sieben davon als Leiter.

Historisch interessanter, räumt er ein, sei natürlich der Nordfriedhof, der zwar kleiner, dafür aber älter sei. 1851 ist dieser eröffnet worden, nachdem die Fläche auf dem Stadtgottesacker nicht mehr ausgereicht hatte. Doch die Industrialisierung der Saalestadt wuchs, und mit ihr die Zahl der Bewohner. Und weil dort, wo Menschen leben, auch Menschen sterben, musste bereits wenige Jahrzehnte später ein weiterer Friedhof angelegt werden – eben der Südfriedhof.

Am 11. Dezember 1887, vor 130 Jahren also, hat der damalige Oberbürgermeister Gustav Staude ihn eingeweiht, und schon zwei Tage später wurde ein 15-jähriger Junge als Erster dort begraben. Die alten Grabstätten an den Hauptalleen des Friedhofes stehen unter Denkmalschutz. Um den Charakter einer Allee beizubehalten, dürfen sie nicht entfernt werden. Es wäre auch schade um die Inschriften, Bildnisse und Skulpturen auf den Steinen, die stumm und trotzdem beredt Zeugnis aus früherer Zeit geben. Wie das Grab von Konsul Theodor Wienrich. Mit Hilfe seines Vermögens hat der Hallenser Kaufmann die Erschließung der Heimkehle im Südharz ermöglicht; auf dem metallenen Relief an seinem Grabstein ist ein Teil dieser Schauhöhle abgebildet.

(Foto: Barbara Mann)
(Foto: Barbara Mann)

Oder das Grabmal des Großbauern Reinhold Rusche. „Dem hat der halbe Süden gehört“, weiß Andreas Herzig. Er selbst ist nahe der Theodor-Neubauer-Straße im ehemaligen Gesindekomplex groß geworden, der an Rusches Wohnhaus grenzte, welches zu DDR-Zeiten ein Kinderheim war. Herzigs Lieblingsgrab indes zeigt eine steinerne Eule auf einem ebenso steinernen aufgeschlagenen Buch; der Zeitungsgroßhändler und Verleger Oswald Zweck wurde hier beerdigt. Und Barbara, die Schutzheilige der Bergleute, bewacht das Grab Georg Bilkenroths, der ein Verfahren zur Herstellung von Koks aus Braunkohle statt aus Steinkohle entwickelt hat. Grünspanüberzogene Engel sind zu sehen, blumenstreuende Frauenfiguren und ein in Metall geprägtes Sinnbild über dem Grab einer Familie, deren Söhne im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Als große Kunst darf eine kleine Steinskulptur gelten, die alles ausdrückt, was empfunden und nicht gesagt werden kann. Um ihren schmalen Sockel herum ruhen Kinder, die den Weg ins Leben nicht geschafft haben und dem Gesetz nach eigentlich nicht bestattungspflichtig sind. Wie groß aber der Wunsch nichtgewordener Eltern nach einem Ort des Abschieds und der Trauer ist, mag der Umstand verdeutlichen, dass inzwischen eine zweite derartige Grabanlage geschaffen werden musste. Noch mehr Sondergrabanlagen finden sich auf dem Südfriedhof. Eine enthält die Gräber sowjetischer Soldaten und ihrer Angehörigen, die zwischen 1944 und 1990 hier starben. Wer die russischen Buchstaben entziffern kann und die Inschriften versteht, ahnt, wie fremd diesen Menschen das fremde Land wohl blieb.

Figur an der Grabstelle für nicht bestattungspflichtige totgeborene Kinder. (Foto: Barbara Mann)
Figur an der Grabstelle für nicht bestattungspflichtige totgeborene Kinder. (Foto: Barbara Mann)

Eine weitere Sondergrabanlage erstreckt sich rechter Hand unweit des Friedhof-Haupteinganges. Auf einer Wiese flach in die Erde gelassen sind kleine Steinplatten mit den Namen der Opfer, die 1944 und 1945 bei Bombenangriffen auf Halle ums Leben kamen. Und nur wenige Schritte hinter der erhaben, aber nicht protzig wirkenden Trauerhalle aus rotem Backstein stehen in einem Halbkreis Gedenksteine für die, die da „kämpften für Frieden und Sozialismus“. Während des Ersten Weltkrieges und der Novemberrevolution 1919, beim Kapp-Putsch ein Jahr später oder in der Nazizeit haben sie, wenn nicht ihr Leben verloren, so doch selbiges riskiert. Namen wie Robert Mühlpforte, Franz Maye oder Martha Brautzsch sind dort zu lesen. Manchem Hallenser dürften sie bekannt vorkommen – Straßen im gesamten Stadtgebiet heißen nach ihnen. Auch der Matrose und Kommunist Karl Meseberg ist dabei; 1919 ist er im Alter von 28 Jahren ermordet worden. Um seine Grabstätte kümmert sich die Partei „Die Linke“. Dies geht auf eine Initiative des Vereins für Friedhofskultur in Halle und dem Umland zurück, der sich für Erhalt und Pflege besonders schöner oder historisch wertvoller Gräber einsetzt. Eine weitere Grabpatenschaft auf dem Südfriedhof konnten seine Mitglieder an den SPD-Ortsverein Süd vermitteln; die Genossen pflegen das Grab des SPD-Reichstagsabgeordneten Franz Peters. Dass die Gräber hallescher Ehrenbürger demnächst zu Ehrengräbern erklärt werden sollen, ist ebenfalls dem Verein zu verdanken. „Mit Liebe gegen das Vergessen“ lautet sein Leitspruch. Den Andreas Herzig wohl bestätigen kann. Denn nicht allein, wie der Mensch mit seinen Toten umgeht, mache einen Friedhof aus, sondern auch die soziale Komponente. „Manche Leute kommen zwei-, dreimal am Tag hierher“, erzählt er. „Und ich kenne Paare, die sich hier zusammengefunden haben.“ Wie wunderbar ist ein Ort, an dem aus einsamer Trauer gemeinsames neues Glück wachsen kann. Das Leben geht weiter. Mag dieser Satz oft nur dahingesagt sein, so birgt er doch Wahrheit und Trost. Das ist gut.