Redaktion Halle-Süd

Kaffee-Ersatz und Zucker längst vergessen

Historisches aus dem Süden von Halle: Rund um den Thüringer Bahnhof

In der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Halle von einem verschlafenen Provinznest zu einer gründerzeitlichen Großstadt. Begünstigende Faktoren waren die ertragreichen Böden und die Braunkohlenvorkommen in der näheren Umgebung. Aufgrund der geografischen Lage wurde die Stadt außerdem zu einem Knotenpunkt der mitteldeutschen Eisenbahnverbindungen. So entwickelte sich durch den Bau des Thüringer Bahnhofs in der Nachbarschaft ein großflächiges Industriegebiet mit unterschiedlichen Fabrikanlagen.

1862 entstand beispielsweise die „Neue Actien-Zuckerraffinerie“, die damals zu den größten und modernsten deutschen Zuckerproduzenten in Deutschland zählte. Trotz mehrerer „Zuckerkrisen“ wurden die Produktionsanlagen im Laufe der Jahrzehnte ständig erweitert und dem technischen Fortschritt angepasst. Während des Zweiten Weltkrieges wurden rund 60 Prozent der Fabrikanlagen durch alliierte Bombenangriffe zerstört. 1945 folgte dann die Enteignung des Unternehmens und die Überführung in Volkseigentum als „VEB Zuckerraffinerie Vorwärts Halle“. Die Produktion wurde jedoch kurz nach der Wende eingestellt und die Liegenschaft in die Verwaltung der Treuhand übernommen. Nachdem mehrere Konzepte für eine Nutzung der historischen Bausubstanz fehlschlugen, wurden die Anlagen 2006 komplett abgerissen, um Platz für einen Neubau der Computer-Firma Dell zu schaffen.

Der Spiel-, Sport- und Erholungspark am Thüringer Bahnhof lädt ebenfalls zu alpinen Kletterübungen ein. (Foto: Manfred Orlick)
Der Spiel-, Sport- und Erholungspark am Thüringer Bahnhof lädt ebenfalls zu alpinen Kletterübungen ein. (Foto: Manfred Orlick)

Unweit der Zuckerraffinerie befand sich die ehemalige Kaffee-Surrogatefabrik Heinrich Franck & Söhne Halle, Niederlassung einer badischen Unternehmerfamilie. Heute ist die Kaffee-Ersatz-Herstellung aus der Zichorie kaum noch bekannt. 1901 wurde die Produktion aufgenommen und sollte den gesamten Norden und Osten des Deutschen Reiches abdecken. Die bis 1945 bestehende Firma Franck & Kathreiner wurde nach der Enteignung in den volkseignen Betrieb „VEB Kaffeeersatz und Nährmittelwerke Halle“ (später VEB Kaffee Halle und VENAG) überführt. 1952 nahm man die Produktion von Bohnenkaffee auf, während die Kaffee-Ersatzprodukte immer weiter zurückgefahren wurden. Der letzte Kaffee-Ersatz verließ 1977 das Fabrikgelände. 1993 wurde die Produktion stillgelegt und nach einer Nachnutzung der Gebäude und des Geländes gesucht. In Teilen der Werksgebäude entstanden unter anderem Jugendwerkstätten und ein Handwerkerhof. Das Areal des stillgelegten Thüringer Bahnhofs wurde in einen Park mit Spiel-, Sport- und Erholungsmöglichkeiten umgewandelt. Besonders beliebt bei den Kids und Jugendlichen ist der Kletterpark.

Besonders bei Jugendlichen beliebt: Der Volleyballplatz auf dem Areal des einstigen Thüringer Bahnhofs. (Foto: Manfred Orlick)
Besonders bei Jugendlichen beliebt: Der Volleyballplatz auf dem Areal des einstigen Thüringer Bahnhofs. (Foto: Manfred Orlick)

In Sichtweite dieser beiden ehemaligen Fabriken befand sich zwischen der Merseburger Straße und den Gleisen der Thüringer Bahn die Hallische Malzfabrik Reinicke & Co., die 1882 die Malzproduktion aufnahm. Die imposante Anlage diente den einzelnen Malzprozessen wie Lagerung, Einweichen und Keimen der Gerste. Weithin sichtbares Zeichen waren die sieben Darrtürme, wo das Malzgut getrocknet wurde. Der Zinnenkranz mit den Schloten gab dem Bauwerk ein burgartiges Aussehen, das aus der Ferne die südöstliche Silhouette der Stadt bestimmte. 1960 wurde die Produktion eingestellt. Danach dienten die Bauten lediglich Lagerzwecken für Textilien und Schuhe. Nach der Wende standen die Gebäude jedoch leer und waren zu einem Objekt der Sprayer geworden. Nachdem das Direktionsgebäude direkt an der Merseburger Straße saniert und anschließend als Bürogebäude (Parkpalais) genutzt wurde, entstanden in den vergangenen Jahren in einigen ehemaligen, nun topsanierten Fabrikgebäuden exklusive Maisonette- und Loftwohnungen.