Kirche kaputt, aber der Friedhof „lebt“

In Granau ist etwas anders – Gemeinde lädt am Ewigkeitssonntag zur Andacht mit Bläsermusik ein

Um den kleinen Friedhof in Granau zu finden, muss man Nietleben auf der Eislebener Straße durchfahren oder -laufen, das Heidebad rechts liegenlassen und schließlich rechter Hand an einer Anhöhe eine kleine Pforte öffnen. Etwas ist hier anders als auf den meisten eingefriedeten Höfen – also Friedhöfen – um eine Kirche herum.

Für gewöhnlich erinnern nur verwitterte Grabsteine an ihre frühere Bestimmung, während die Kirchen selbst erhalten sind und genutzt werden. In Granau ist es umgekehrt: Die Kirche ist kaputt, aber der Friedhof „lebt“. Er gehört zum Kirchspiel Halle-Neustadt Nietleben.

Unter anderem dient er zwei berühmten Wahl-Nietlebenern als letzte Ruhestätte. Der Historiker Erich Neuß liegt hier begraben, und etwas abschüssig an einer Seitenwand befindet sich das Grab des Heimatforschers Siegmar Baron von Schultze-Galléra. Neben ihm ruht seine Ehefrau Lucia. Sie war die Tochter des Pferdehändlers Lözius, der am Rossplatz eine Reithalle hatte errichten lassen, die später zum Walhalla-Theater umfunktioniert und -benannt wurde und heute jedem Hallenser als „Steintor-Varieté“ ein Begriff ist.

Der Heimatforscher Siegmar Baron von Schultze-Galléra ist auf dem Granauer Friedhof beerdigt. (Foto: Barbara Mann)

Links neben dem Grab des Barons liegt das seiner Tochter, die verheiratet Götting hieß. Ihr Sohn Gerald war viele Jahre lang Vorsitzender der DDR-CDU. An Schultze-Galléra selbst erinnert auf dem Friedhof außerdem eine Gedenktafel. Sie hängt im Inneren der Kirche, die zwar keine mehr ist, aber den Mittelpunkt des Friedhofs bildet und ihm etwas Einzigartiges verleiht. Im 30-jährigen Krieg zerstört wie das Dorf Granau selbst, wurde sie – im Gegensatz zu diesem – kurz danach wieder aufgebaut. Denn die Nietlebener waren zum Gottesdienst stets in die Kirche ihres unweit gelegenen Nachbardörfchens gegangen, ehe sie Ende des 19. Jahrhunderts eine eigene bekamen. Die Granauer Kirche wurde als Steinbruch freigegeben und verfiel. Im Inneren ihrer Mauerreste wurde in den 1920er Jahren ein Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges errichtet, das die gesamte Ostwand bedeckt. Seine Form erinnert an eine Orgel. Die Namen aller Nietlebener Kriegsopfer sind darin eingelassen.

Dass die Kirche zerfallen ist, heißt nicht, dass sie nicht mehr gebraucht wird. Wenn jemand aus der Gemeinde stirbt, halten die Hinterbliebenen nicht selten dort die Trauerfeier ab. Zum bevorstehenden Toten- oder Ewigkeitssonntag am 26. November lädt die Gemeinde alle, die möchten, um 15 Uhr zu einer Andacht mit Bläsermusik in die Ruine ein.

Und wenn die stille Zeit vorüber ist, wird dort ein Osterfeuer lodern. In einer überdachten Kirche wäre so etwas nicht möglich. Wie gesagt: Etwas ist hier anders.