Kitsch trifft zeitgenössische Kunst

Neue Ausstellung in der „Talstrasse“ eröffnet – Bis 11. Februar: „ART APPEAL – Gefühle? Ja, bitte!“

„Art APPEAL – Gefühle? Ja, bitte!“ Unter diesem einladenden Titel läuft derzeit eine Ausstellung in der Kunsthalle „Tal­strasse“ in Kröllwitz (Talstraße 23). Sie ist ein Beispiel dafür, dass gut Ding Weile haben will. Die Idee dazu hatte der Kunsthallen-Leiter Matthias Rataiczyk schon vor Jahren, nachdem ihm Kontakte zu dem Münchener Kunstsammler Helmut Klewan vermittelt worden waren. Der sammelt außer „richtiger“ Kunst nämlich auch Werke, die eher zu den Gattungen Salonmalerei oder gar Kitsch zählen. Diese zu zeigen, reizte den Künstler Rataiczyk.

Doch lässt sich damit eine spannende Ausstellung gestalten? Vor allem: Wie? Gemeinsam mit einem „jungen, dynamischen Team“ aus Künstlern und Kunstwissenschaftlern reifte schließlich der Plan, den gefühlvollen Darstellungen einer heilen Welt zeitgenössische Kunst gegenüberzustellen. Das klingt reizvoll, besonders, weil niemand genau weiß, was Kitsch ist und was Kunst und wo die Grenze verläuft. Und ob es überhaupt eine Grenze gibt. Kann, muss man alles klassifizieren?, fragen die Ausstellungsmacher. Durch die Begegnung von beidem erzählen sie kleine Geschichten.

Viele zeitgenössische Künstler seien in dieser Hinsicht Grenzgänger. Finde den Fehler, scheinen manche Werke überschrieben zu sein. Wie das Bild der bäuerlichen Familie im ländlichen Idyll des 19. Jahrhunderts, über deren Häuptern Luftballons schweben. Oder die hölzerne Madonna des Bildhauers Marc Fromm, die in jeden Andachtswinkel passen würde. Wenn sie nicht gepierct wäre. Und was schließlich gibt es Kitschigeres als Gartenzwerge? Goldüberzogen und armeemäßig formiert, füllen sie fast einen ganzen Ausstellungsraum. Oder Weihnachten?

Nicht zufällig haben die Beteiligten gerade den Zeitraum um das Fest herum gewählt, bei dem Kitsch und Kunst beinahe unauflöslich ineinandergreifen. Doch nicht nur der richtige Zeitpunkt will beim Planen einer Ausstellung überlegt sein. Rund anderthalb Jahre Vorbereitung, berichten sie, seien dafür nötig. Und da jede ihrer Ausstellungen drei Monate dauert, kann man sich vorstellen, wie viele Arbeiten in der kleinen, feinen Kunsthalle gleichzeitig ablaufen: Ausstellungskonzepte sind zu erstellen. Nur mit einem solchen könne man bei Galeristen wegen eventueller Leihgaben überhaupt anfragen. „Die wollen ihre Werke in einem positiven Kontext und wohlbehalten sehen“, so Matthias Rataiczyk. Sicherheitsbedingungen, damit den Kunstwerken nichts passiert, und Versicherungen sind daher ein großes Thema. Und die Transporte: Muss ein Werk in einer Klimakiste befördert werden, oder reicht ein Pappkarton? Darf eine Plastik freistehen, oder kommt eine Vitrine darüber? Ist ein Bild schon gerahmt, oder wird das in der Talstraße erledigt? Und welchen Titel soll die Ausstellung überhaupt haben? Nach „ART APPEAL – Gefühle? Ja, bitte!“ haben Rataiczyk und seine Mitstreiter lange gesucht. Denn ob Empörung, Verzückung oder was immer – das Wort „Gefühle“ sollte auf jeden Fall darin vorkommen. Und Kostenvoranschläge sind zu erstellen und Sponsoren zu suchen und Fördergelder zu beantragen. Und Leihverträge abzuschließen, Plakate zu entwerfen, Kataloge herauszugeben. Bilder sind aufzuhängen und die Titelschildchen dazu. Und Führungen sind zu organisieren und das Begleitprogramm; während der Ausstellungen finden immer auch Lesungen, Konzerte oder ähnliches statt. Und Abrechnungen über vorherige Ausstellungen sind zu erledigen und natürlich schon Listen für künftige Leihgaben zusammenzustellen.

Mit der Vernissage sind die Vorbereitungen der aktuellen Schau Geschichte. In der Talstraße ist übrigens schon klar, was im kommenden Jahr um diese Zeit gezeigt werden soll: Fängt mit „Bau-“ an – und hört mit „-haus“ auf …