Redaktion Halle-Süd

Künstlerischer Blick auf demografische Herausforderung

Michael Antons konzipiert und gestaltet Räume für Demenzkranke

Michael Antons ist ein Verfechter klar strukturierter, übersichtlicher Räume, funktional ausgewählter Materialien sowie harmonisch aufeinander abgestimmter Farben und Lichtwirkungen. Vor allem, wenn es darum geht, einen Auftrag zur Gestaltung von Räumen für demenziell erkrankte Menschen umzusetzen – wie in der Wohngemeinschaft „Lebensfreude“ der Halleschen Wohnungsgenossenschaft Freiheit, die 2018 in der Weißenfelser Straße 49 an zwölf ältere Mieter übergeben wurde.

An das Thema Wohnen mit Demenz näherte sich der Diplom-Ingenieur für Innenarchitektur und gebürtige Westfale, der seit seinem BURG-Studium (2001-2007) in Halle lebt, inhaltlich zunächst durch das Lesen von entsprechender Fachlektüre an. Bereits im Jahr 2010, als er noch als Assistent von Professor Klaus Michel tätig war, bahnte sich der Kontakt zur WG Freiheit (Freyburger Straße 3) an. Nachdem Michael Antons bis 2015 für das hallesche Unternehmen eine allgemeine Musterwohnung, die Eingangszonen der Francke-Tower I-III und je eine Modellwohnung für Sportliche sowie für junge Familien mit Kindern erfolgreich designt hatte, nahm er gern den Auftrag zur Konzipierung einer Demenz-Modellwohnung in der Vogelweide an. Schon damals faszinierte ihn das solidarische Anliegen der WG Freiheit, Wohnungen für ihre demenziell erkrankten Mieter derart zu gestalten, damit diese so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld verbringen können. Das heißt, dass die Räumlichkeiten durch eine entsprechende Innenarchitektur den Krankheitsprozess möglicherweise entschleunigen, den Menschen optimale Bedingungen zur Orientierung, Stimulation beziehungsweise Beruhigung, darüber hinaus Komfort und Sicherheit bieten. Diesem Aspekt des Wohnens im Alter stellt sich die WG schon seit einigen Jahren; arbeitet dabei mit der medizinischen Wissenschaft, der AOK, der Bau- und Sozialwirtschaft zusammen. Sie ist unter anderem auch Vorreiterin des E-Rezepts und der Tele-Visite in Halle und Sachsen-Anhalt.

Michael Antons mit zwei Broschüren zu seinen konzipierten Wohnungen für Mieter der HW Freiheit. (Foto: Gabriele Bräunig)
Michael Antons mit zwei Broschüren zu seinen konzipierten Wohnungen für Mieter der HW Freiheit. (Foto: Gabriele Bräunig)

Im Jahr 2014 nahm Michael Antons denn auch an einem Kongress in Dresden teil, um sich noch intensiver mit dem Thema „Architektur für Menschen mit Demenz“ zu beschäftigen. Für die Wohngemeinschaft „Lebensfreude“ in der ersten Etage der Weißenfelser Straße 49 entwarf er einen weiteren demenzsensiblen Flur sowie die Begegnungsstätte. Was musste der Innenarchitekt, der hauptsächlich gern die Materialien Furnier- beziehungsweise Sperrholz, Beton und Lehm für seine Projekte nutzt, nun an Besonderheiten bei der räumlichen Gestaltung beachten? Michael Antons erläutert: „Im Vordergrund standen für mich sowohl Möglichkeiten für eine gute Orientierung sowie sichere Fortbewegung als auch die Aktivierung beziehungsweise Gefahrenabwehr und die Behaglichkeit. Daran richtete sich meine Auswahl an Materialien für Boden und Wände, der Möblierung, aber ebenso an Farben, außerdem die Entwicklung des Lichtkonzepts aus. Für den Flur hatte ich neben der Anbringung von Handläufen abstrakte horizontale Farbstreifen in angenehm anmutendem Pastellgrün, -gelb und -blau geplant. Die Farbverläufe sollen an eine Landschaft mit Kornfeld oder Blumenwiese unter blauem Himmel erinnern. Denn Erinnerungen an früher sind wichtig für ältere, vor allem demente Menschen.“ Außerdem liebt Antons selbst auch die Natur. Und eine Raumgestaltung dürfe, so der passionierte Innenarchitekt, trotz aller Funktionalität, nie langweilig sein. Daneben war für ihn wichtig, die Beleuchtung so einzusetzen, dass keine dunklen Ecken, Schatten oder Blend-, Glanz- und Spiegelreflexe auftreten, damit die Bewohner nicht ängstlich zurückschrecken oder gar fliehen und dabei stürzen. Große Piktogramme helfen des Weiteren bei der Orientierung.“

In der Begegnungsstätte setzte er vorwiegend warme, sandfarbene Töne ein, die einerseits aktivieren, andererseits beruhigen sollen. Die Möblierung ist auf das Nötigste reduziert, übersichtlich platziert, eindeutig zu identifizieren und leicht zugänglich – so wie in seinen entworfenen Wohnräumen für Demenzkranke. Durch originelles dekoratives Beiwerk gibt der Innenarchitekt dem jeweiligen Ambiente zusätzlich gern eine individuelle Note. Die betreuerischen, hauswirtschaftlichen sowie pflegerischen Leistungen für die selbstorganisierte Wohngemeinschaft sichert im Übrigen der Volkssolidarität Regionalverband Halle-Saalkreis ab. So sind die Bewohner hier tagtäglich rund um die Uhr in vollem Umfang versorgt.

Die Begegnungsstätte in der Weißenfelser Straße 49 gestaltete Michael Antons in warmen, beruhigenden Tönen. (Foto: HW Freiheit)
Die Begegnungsstätte in der Weißenfelser Straße 49 gestaltete Michael Antons in warmen, beruhigenden Tönen. (Foto: HW Freiheit)

Zum Tätigkeitsprofil des seit Langem bekennenden „Ossis“ und Vaters zweier Töchter gehört neben der innenarchitektonischen Konzipierung von Wohngebäuden die von Bistros, Cafés, Arztpraxen, Haus-Foyers wie Museumsshops. Michael Antons hat sich obendrein an nationalen und internationalen Ausstellungen beteiligt sowie Theaterstücke ausgestattet. Zu seinen Kunden gehören neben Privatpersonen und kleineren Firmen ebenso weitere große Wohnungsunternehmen, zum Beispiel in Eisleben und Wittenberg. An der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle hat er desgleichen noch eine Stelle als Mitarbeiter im Projekt „Burg gründet“ inne. Hier ist er für das Scouting (Aufspüren zum Beispiel von Talenten) und den Burg-Shop zuständig.

Was mag Michael Antons an seiner Arbeit und was kommt dadurch zu ihm zurück? „Etwas für Menschen zu tun, ist generell mein Arbeitsantrieb“, schwärmt er. „Ich bin ursprünglich gelernter Tischler, wollte jedoch studieren, um mich theoretisch und praktisch-künstlerisch weiterzubilden, damit ich über das reine Möbelstück hinaus ganzheitlich Räume gestalten kann. Dabei hat jeder Kunde andere Wünsche und Bedürfnisse, und ich bin immer wieder aufs Neue gespannt auf die Reaktionen der Nutzer meiner innenarchitektonischen Konzepte. Jede Veränderung ist natürlich erst einmal schwierig und wird kritisch beäugt. Vor allem demenziell erkrankte Menschen können mit Neuerungen noch schlechter umgehen. In diesem Bereich habe ich viel dazu gelernt. Denn durch falsche gestalterische Entscheidungen kann man hier Symptome unter Umständen verstärken. Die Dynamik der Aufgaben ist für mich einfach reizvoll, jeder Tag ist anders. Und die Wohnungsgenossenschaft Freiheit unterstützt mich sehr in meinen Bemühungen um praktische und dabei einzigartige Interieurs. Man kann selbst für einen Neubau und seine Wohnungen etwas Besonderes erschaffen.“

Der Kontakt zur WG Freiheit seit 2010 und die daraus resultierenden Aufträge erleichterten Antons nach eigener Aussage auch seinen Start in die Selbstständigkeit 2011. In dem Jahr gründete er seine Firma „Interanton – Raum/Klima/Gestaltung“ in der nördlichen Saalestadt. Gibt es schon ein Folgeprojekt bei der WG Freiheit? Der sympathische und bescheidene junge Mann lächelt: „Ja, ich bin in der komfortablen Situation, dass ich feste Auftraggeber habe, und die Freiheit hat mich bereits vor einiger Zeit um die Neugestaltung von Rezeption, Verkehrswegen und Konferenzraum ihres Bürohauses auf der Silberhöhe gebeten. Dies und die Gestaltung der Außenfläche findet auch im kommenden Jahr seine Fortsetzung.“