Mit ganzer Seele für die Menschen da

Aus Sportprojekt wurde Verein mit einer engagierten Vorsitzenden: Dolores Dzajic

Sage mir, was du tust, und ich sage dir, was für ein Mensch du bist. Dieser Satz trifft auf manche Persönlichkeiten ganz besonders zu – zum Beispiel auf Dolores Dzajic. Gibt es jemanden zwischen Züricher und Wiener Straße, der diese quicklebendige und überaus engagierte Frau nicht kennt?

Auf die Frage, wer oder was die heute 58-jährige Erzieherin, Dolmetscherin wie ehrenamtlich vielfach tätige Hallenserin in ihrem Leben am meisten geprägt hat, muss Dolores Dzajic nur einen klitzekleinen Augenblick lang überlegen: „Meine Eltern; mein Vater. Ich hatte eine wirklich schöne Kindheit und eine tolle Jugend. Mein Elternhaus war liebevoll, gab mir Geborgenheit, war offen und tolerant. Und es ermöglichte mir, viele meiner Träume zu verwirklichen. So unter anderem die Teilnahme am Eisschnelllauf-Leistungssport. Aber auch meine Oma war ein Vorbild für mich. Von ihr habe ich nie ein böses Wort gehört. Trotz schwerem Leben war sie immer positiv eingestellt.“

Mädchen und Jungen der Tanzgruppe im Hort „Kinderpark“ bei Proben. (Archiv-Foto: Gabriele Bräunig)

Diese frühen Erlebnisse haben Dolores Dzajic zweifellos geformt und dazu beigetragen, dass die lebenslustige und gern lachende Frau mit der blonden Mähne selbst ein Mensch wurde, der immer ein offenes Ohr für andere hat, jedem hilft, der sie braucht, sich alles in allem für ihr Umfeld und ihre Mitbürger über das normale Maß hinaus einsetzt. Dies bemerkte wohl auch ihre heutige Chefin Beate Gellert, Geschäftsführerin des Vereins Kinder- und Jugendhaus (Züricher Straße 14), als sie 2005 die damals quirlige Mittvierzigerin beim Stadtsportbund kennenlernte und meinte, Frau Dzajic sei genau die Richtige für ihr geplantes Sport-Projekt „Fit und Fair“. Im KJH sollten ab 2006 im Rahmen des Bundesprogramms „Integration durch Sport“ für Einheimische sowie Menschen aus anderen Kulturkreisen, die nicht über genügend finanzielle Mittel für eine Vereinsmitgliedschaft beziehungsweise über zu wenig Kontakte im Wohngebiet verfügten, niedrigschwellige sportliche Angebote bereit gehalten werden. So wurden bis zum Jahr 2009 unter Leitung von Dolores Dzajic Benachteiligte jeden Alters im Süden der Stadt aus der Isolation heraus geholt, ihnen eine sinnvolle Freizeitgestaltung sowie Möglichkeiten geboten, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Sport zu treiben.

Seit 2011 ist „Fit und Fair“, und zwar weiterhin unter dem Dach des Kinder- und Jugendhaus e.V., selbst ein Verein, als dessen ehrenamtliche Vorsitzende Dolores Dzajic seitdem fungiert. Die bekannteste Gruppe, die sie auch heute noch im Hort „Kinderpark“ mit trainiert, in dem sie als Erzieherin arbeitet, ist die Tanzgruppe. Diese besteht momentan aus 45 Kindern. Zahlreiche Auftritte, zum Beispiel während der jährlichen Interkulturellen Woche, beim Parkfest im Pestalozzipark oder bei Weihnachtsfeiern der Wohnungsgenossenschaft Freiheit für deren Mieter, brachten den bewegungsfreudigen Kids bereits etliche Erfolgserlebnisse. Seit der Vereinsgründung wurde ebenfalls jährlich ein Familiensportfest oder das Mitternachtsfußballturnier durchgeführt, und besonderen Spaß bereitete allen stets die Teilnahme am „Arschbombencontest“ im Nordbad.

Aus regelmäßigen Treffen im Familiencafé „Völkchen“ entstand darüber hinaus die Frauensportgruppe, in der sich noch heute jeden Montag um 10 Uhr im Hort „Kinderpark“ 17 Damen hauptsächlich der reiferen Jahrgänge aus dem Süden, aber ebenso aus Halle-Neustadt zusammenfinden, um bei gesunder Bewegung fit und mit anderen Menschen in Verbindung zu bleiben. Und gerade ist ein Schwimmkurs für zwölf Hort-Kinder mit Unterstützung des „Maya mare“ sowie des Kinder- und Jugendhauses zu Ende gegangen, denn für Dolores Dzajic können viel zu viele Mädchen und Jungen heute nicht mehr schwimmen – was sie für sehr gefährlich hält.

Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und Oma von zwei Enkeln bezeichnet sich selbst als sehr vielseitig interessiert – besonders natürlich für Sport und für die Arbeit mit Kindern, aber ebenso für andere Länder und andere Sitten. Sie ist im Zweitberuf Dolmetscherin, spricht fließend serbisch, kroatisch und bosnisch.

Anfang der 1990er Jahre, als der Bosnienkrieg hunderte traumatisierte Menschen nach Halle verschlug, arbeitete sie zunächst hauptamtlich in einem Wohnheim für Flüchtlinge. Hin und wieder übersetzt sie gegenwärtig noch ehrenamtlich im Auftrag des psycho-sozialen Dienstes für Migranten. Dabei sind ihr Hochzeiten, Taufen, Arbeitsamtsbesuche oder Wohnungsangelegenheiten am liebsten. Mit vielen ehemaligen Jugoslawen, die ihr damals nahe standen und die heute in Kanada, den USA oder Australien leben, hält die weltoffene Endfünfzigerin heute noch schriftlich Kontakt. Die minimale Aufwandsentschädigung, die sie für ihre Tätigkeit erhält, spendet Dolores Dzajic übrigens der Kinderkrebshilfe. Regelmäßig besucht sie zudem mit ihrem Lebensgefährten ihre „Zweitheimat“ Bosnien; das Land ist ihr besonders ans Herz gewachsen.

Dolores Dzajic schätzt an anderen Menschen Offenheit und Ehrlichkeit – Eigenschaften, die für sie selbst ebenfalls gelten. „Egal, wie schlimm eine Situation auch sein mag“, sagt sie, „ es gibt immer eine Lösung. Man muss nur darüber reden.“ Auch während vier Jahren Tätigkeit im Betriebsrat machte sie diese Anschauung zum Prinzip. Nun versucht sie, die jüngere Generation dafür zu motivieren, Verantwortung zu übernehmen.