Neues Institut wirft allerlei Fragen auf

KOMMENTAR: „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“: Aufbau ab Ende 2019 – Hallesches Institut beteiligt

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung will ein „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ gründen und das hallesche Institut für Soziologie (Adam-Kuckhoff-Straße 41) unter Leitung von Professor Dr. Reinhold Sackmann daran beteiligen. Zu dessen Projektpartnern sollen das Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung Halle und das Zentrum für Sozialforschung Halle (ZSH), ein An-Institut der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU), gehören. Zum 1. Dezember 2019 soll das neue Institut seine Arbeit aufnehmen. Aus zehn Bundesländern wirken insgesamt elf Einrichtungen an dem Projekt mit.

Diese Nachricht aus dem MLU-Newsletter vom 1. Oktober lässt mich nicht los. Ich habe lange überlegt, mich diesem Thema in einem Kommentar zu widmen. Bei dieser Meldung überflutet mich eine Vielzahl von teils widersprüchlichen Gedanken. Die dazu führen könnten, dass man auch mich eventuell in eine extreme Ecke stellt. Was unbegründet ist. Und doch beunruhigen mich seit 2015 verstärkt einige politische Entwicklungen in diesem Land.

Prinzipiell finde ich solch eine soziologische Forschungsstelle gut, weil gesellschaftlicher Zusammenhalt sehr wichtig ist; in der Endkonsequenz, um Pogrome, Bürgerkriege und Revolutionen aller Art zu vermeiden. Dafür kann man nie genug tun. Und vielleicht wird die Arbeit des Instituts ja tatsächlich neue nützliche Erkenntnisse bringen. Andererseits: Soziologie-Institute gibt es in Deutschland schon lange. Was haben sie bisher für den gesellschaftlichen Zusammenhalt getan? Nichts? Das kann ich mir nicht vorstellen. Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt engagieren sich außerdem seit Jahrzehnten unter anderem schon unzählige gemeinnützige Vereine und Organisationen, auch in Halle, für das, was sehr wichtig für den „sozialen Kitt“ eines Gemeinwesens ist: Frauen und Männern eine sinnvolle, dankbare Aufgabe zu geben, unterschiedlichste Menschen zusammenzubringen, sie zu integrieren – aus allen sozialen Schichten und egal, aus welchem Land sie kommen und welcher Religion sie angehören.

Und: Weshalb erst jetzt solch ein gesamtdeutsches Institut – nach 2015? Braucht man neue Instrumente, die garantieren, dass man trotz allen politischen Problemen weiterhin an der Macht bleibt? Es herrscht ja permanent Wahlkampf. … Nein, dazu ist die Einrichtung wohl zu langfristig angelegt. Herrscht Angst in der Regierung vor zu großen politischen Umwälzungen? Das ist wahrscheinlich. Allerdings: Muss man Wissenschaftler sein oder ein weiteres soziologisches Institut gründen, um zu begreifen, was seit Langem zum Allgemeinwissen gehören sollte: Dass eine Gesellschaft nur dann nicht auseinanderbricht, wenn es so vielen Menschen wie möglich gut geht, sie eine zufriedenstellende Arbeit haben, von der man auch leben kann, oder zumindest eine sinnvolle, langfristige Aufgabe. Wenn Kinder eine Zukunft haben – auch jenseits von Tätigkeiten wie Lagerarbeiter, Pflegekraft oder Speditionsfahrer. (Diese Berufe sind freilich immens wichtig, keine Frage.) Wenn Nahrungsmittel, Wohnungen und ein hochwertiges Gesundheitssystem bezahlbar bleiben. Und so weiter und so fort. Ergo: Wenn soziale Sicherheit herrscht und Menschen Teilhabe am gesellschaftlichen Aufbau erfahren – die auch anerkannt wird. Sowie eine halbwegs gerechte Verteilung der finanziellen Ressourcen. Immer mehr Bürger haben Angst vor sozialem Abstieg, obwohl sie den ganzen Tag lang hart arbeiten. Zu viele Werktätige müssen zusätzlich Hartz IV beantragen, um ihre Familien zu ernähren. Zunehmend sind Rentner trotz 40 und mehr Arbeitsjahren auf ergänzende Grundsicherung angewiesen. Millionen sehen, dass wenige Konzerne und Banken immer reicher werden und sie den Gürtel immer enger schnallen müssen. Die Folgekosten von Bankenpleiten und verbrecherischer Sorglosigkeit von Großunternehmen werden auf die „kleinen Leute“ umgelegt. Das sind die drängendsten sozialen Probleme, um die sich eine Regierung kümmern muss. Und um gute Bildung, versteht sich! Systemimmanente Probleme? Manche bestreiten das.

Seit wann zerbricht in unserem Land also der soziale Zusammenhalt? Seitdem viele Menschen das Gefühl – nein, nicht nur das Gefühl – haben, dass ihnen Politiker und die sogenannte Zivilgesellschaft nicht mehr zuhören, ihre Sorgen nicht mehr ernst nehmen. Seit sie in eine extreme politische Ecke gestellt und geächtet werden, weil sie ihre Sorgen äußern. Das geht ja inzwischen sogar schon intelligenten, humanistisch denkenden Leuten so, die immer eher links gedacht und gewählt haben, immer ausländische Freunde hatten. Auch diese Art von intolerantem Dogmatismus kann zur unerträglichen Spaltung einer Gesellschaft führen.

Ein weiteres von vielen Beispielen, wo sich die – ideologischen – Geister scheiden: Das Thema Sicherheit – ein Wespennest. Es sei dahingestellt, wer für die zunehmenden Wohnungseinbrüche, Auto- und anderen Diebstähle, Überfälle mit Raub, Telefonabzocke, Fahrkartenautomaten-Sprengungen und anderen Straftaten verantwortlich ist. Ich weiß, es gibt genug einheimische Spitzbuben, die Beschaffungskriminalität und so weiter. Ich will mich zu den Verursachern gar nicht im Detail äußern. Gewiss kann ich es auch nicht in jedem Fall beurteilen. Aber Fakt ist, dass der Staat, respektive die Polizei, und nur sie, die vorhandenen Gesetze bei der Ahndung dieser Delikte ausschöpfen muss. Macht sie das in ausreichendem Maße? Zu oft kommen die Täter ungeschoren davon. Auch hier höre ich das Gegenargument: Personalmangel. Alles richtig, aber …

Und hier meine letzte Frage: Wie lange soll am „Institut für sozialen Zusammenhalt“ woran konkret geforscht werden, um fundierte Ergebnisse auf dem Tisch zu haben? Wird es Jahre oder gar Jahrzehnte dauern? In dem Newsletter der MLU vom 1. Oktober heißt es: „Die Bandbreite der Themen, die das Institut bearbeiten soll, reicht von Polarisierung und Populismus, Identitäten und regionalen Erfahrungswelten, Medien und Konfliktkultur bis zu Antisemitismus und Hasskriminalität.“ Es sollen praxisrelevante Vorschläge erarbeitet werden, mit denen den aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen begegnet werden kann. Hoffentlich ist dann nicht alles schon zu spät!

Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich auf jeden Fall für Meinungsfreiheit plädiere; diese ist ja wohl auch im Grundgesetz festgeschrieben. Die Grenze dafür ist bei mir jedoch überschritten, wo Meinung in private oder ideologisch determinierte Gewalt umschlägt – egal, aus welcher Richtung. Sicher ist außerdem, dass ich mich mit dem Thema „Institut für gesellschaftlichen Zusammenhalt“ noch weiter befassen muss. Vielleicht kann ich Sie jedoch jetzt schon zu einem – vermutlich kontroversen und hoffentlich dennoch friedlichen – Diskurs zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt einladen …