Nicht alle Blütenträume reiften

Trotha hat sich zu einem lebenswerten Stadtteil entwickelt – 28 Jahre Bürgerinitiative „Gesundes Trotha“

Vielleicht sehen es nicht alle Trothaer so. Aber Karin Grundmann, Vorsitzende der Bürgerinitiative „Gesundes Trotha“, ist nach 30 Jahren Engagement unzufrieden mit dem Erreichten für einen Stadtteil, der schon lange durch im Straßenverkehr minimierten Feinstaub, Lärm und Erschütterungen auf dem Wege der Genesung sein sollte und in dem bis heute eine Begegnungsstätte fehlt. Das zeigten ihr auch wieder die Ergebnisse des „Trothaer Abends“ Mitte März in der Grundschule „Hans Christian Andersen“ (Seebener Straße 79).

Die Trothaer Einwohner und Unternehmen, die sich 1990 zur Bürgerinitiative „Gesundes Trotha“ zusammenschlossen und 1991 als Verein gründeten, hatten hohe Ansprüche an ihre ehrenamtliche Tätigkeit und nicht minder große Ziele: „Über allen einzelnen Projekten, die wir ins Leben riefen beziehungsweise konzipierten, stand die gesunde Stadtentwicklung“, resümiert Karin Grundmann.

„Wir haben schon Stadtteil-Konferenzen und Bürgerbefragungen zu diesem Thema organisiert, als es das in Halle noch gar nicht gab. Peter Zieglers Diplomarbeit mit dem Titel ‚Abeiten – Wohnen – Erholen in Trotha‘ bildete dafür die Grundlage. Mit Unterstützung der hiesigen Matin-Luther-Universität (MLU) wurde unser Verein sogar eigenständiges Mitglied im Gesunde Städte-Netzwerke der Weltgesundheitsorganisation, in dem wir die Potenziale und Probleme unseres Stadtteils europaweit bekannt machten.“ Mit ihren damaligen Aktionen wollte die Bürgerinitiative die schlechte Wohnqualität in der Trothaer Straße durch den enormen Verkehr verbessern, den geschichtsträchtigen „Kaffeegarten“ als Gesundheitszentrum mit Begegnungsstätte und Café mitgestalten. Zudem startete man mehrere Gesundheitsprojekte in Schule und Kindergarten, wie das mehrjährige Osteoporose-Projekt in der Schule, und organisierte Sport- und Kulturveranstaltungen.

Trotha hat viel Erholungs-Potenzial, so sieht es zweifellos auch die BI-Vorsitzende: Da gibt es den Zoo, das Nordbad, die Saale sowie die angrenzenden Naturschutzgebiete, das üppige Grün in den Wohngebieten oder eine gut entwickelte Infrastruktur, um nur einiges zu nennen. Und ortsansässige Unternehmen unterstützen die Bürgerinitiative bei ihren Bemühungen; so beispielsweise beim im Jahr 2009 konzipierten Ufer-Projekt in der Nähe der „Katzenbuckelbrücke“ am Trothaer Wehr. Hier kann man seit 2010 während eines Spazierganges auf mehreren Liegebänken ruhen.

Liegebänke an der Saale – ein Teil des Ufer-Projekts der Bürgerinitiative Gesundes Trotha. (Foto: Gabriele Bräunig)

Im Weiteren sind für den beschaulichen Ort ein kleines Boden-Labyrinth, eine Informations-Stele und zwei Kunst-Objekte vorgesehen. Gedacht ist der Ufer-Streifen als „Weg zur Erholung, Erinnerung und Inspiration“. Jedoch stockt die Umsetzung des Projekts seit Langem, weil die Stadtverwaltung ihrerseits erst bauliche Vorbereitungen im Rahmen von „ISEK 2025“ plus „Stadt am Fluss“ umsetzen muss. Für Ende 2018 ist nun der Beginn der Arbeiten geplant. Gelingt es der Bürgerinitiative nach knapp zehn Jahren des Schmackhaftmachens einer attraktiven Ufergestaltung, potenzielle Sponsoren noch bei Laune halten? Man kann es nur hoffen!

Natürlich darf es die BI durchaus für sich als Erfolg verbuchen, dass der Spielplatz an der Mötzlicher Straße errichtet oder das Nordbad erhalten wurden. Seinerzeit baute man ebenso die Trothaer Straße grundhaft aus, richtete die Buslinie 25 ein, und die Straßenbahn erhielt ein eigenes Gleisbett. Später wurde die Pfarrstraße endlich saniert. Anteil hat die BI auch daran, dass Einkaufsmärkte in Trotha entstanden, Baumbestände erhalten blieben und es die Aktion „Blühende Straßenränder“ an der Trothaer Straße gab. Die städtischen Vorhaben, wie das moderne Funktionsgebäude der Feuerwehr, der Ausbau des Trothaer Hafens und die Neuorganisation der S-Bahn wurden gemeinsam mit Bürgern beraten. Vor allem nach der „Zukunftswerkstatt“ im Frühjahr 2015 investierten die Unternehmen der Stadtwerke unter anderem in Abwasser-, Strom- und Fernwärmenetz. Das Abwenden der Ansiedlung von „Pyrolyx“ – eines Unternehmens, das in Trotha eine Abfallverwertungsanlage für Altgummi und Plastabfallgranulate bauen wollte, beruhigte zahlreiche Anwohner.

„Wir wollten schon immer etwas Greifbares schaffen“, beteuert Karin Grundmann. Doch nicht alle Blütenträume der Bürgerinitiative reiften. So verfällt der „Kaffeegarten“ als privates Spekulationsobjekt weiterhin. Zumindest ist das historisch wertvolle Objekt jetzt auf die „Rote Liste gefährdeter Baukultur“ gesetzt worden. Eine Begegnungsstätte für Alt und Jung ist nach wie vor nicht in Sicht. Die Trothaer Mühle konnte nicht als öffentliches Denkmal ausgestaltet werden; auch sie befindet sich in privatem Besitz. Die Straßen sind von Schlaglöchern durchzogen – obwohl die Stadtverwaltung entsprechend ihren finanziellen Möglichkeiten schon viele Stellen reparieren ließ. Fußwege sind Stolperfallen vor allem für betagtere Bürger. Eine Saale-Querung nach Kröllwitz wünschen sich viele Bürger. Und, und, und …

Pläne der BI sahen eine Begegnungsstätte für den einstigen „Kaffeegarten“ vor – heute in Privatbesitz und dem Verfall preisgegeben. (Foto: Gabriele Bräunig)

Die Stadt plant nun für die nahe Zukunft unter anderem die Erneuerung des Spielplatzes am Nordbad, touristische Möglichkeiten sollen im Rahmen des Programms „Stadt am Fluss“ erschlossen werden, der Stadtrat soll im Juni eine Freihaltetrasse für die Nordtangente beschließen, an der Grundschule wird noch 2018 saniert. Darüber hinaus bemüht man sich gemeinsam mit halleschen Interessengruppen um die Erhaltung der Saale als Wasserstraße B. Und dass der Bau der Autobahn 143 nun vielleicht doch in den nächsten Jahren realisiert werden kann – vorausgesetzt, es kommen keine weiteren Klagen – gibt der Hoffnung Anlass, dass die Bewohner an der Trothaer Straße irgendwann wieder aufatmen können; im doppelten Sinne des Wortes.

Für dieses Jahr plant die Bürgerinitiative „Gesundes Trotha“ die Fertigstellung der Chronik des Trothaer Hafens, mit finanzieller Unterstützung der Stadtwerke. Auch hier hatte die BI, Mitglied des Saalestammtisches, große Visionen bezüglich einer besseren Erschließung des Geländes für die Öffentlichkeit. Vorstellen könne man sich beispielsweise Hafenkonzerte und bildende Kulturveranstaltungen, wie „Tage der offenen Tür“. Nun hat das Unternehmen erst einmal andere Probleme.

Und was wünscht sich die über 70-jährige Vorsitzende der Bürgerinitiative noch? Karin Grundmann: „Dass sich mehr Bewohner von Trotha in die Stadtteilentwicklung einbringen, vor allem junge Leute, denen eine gesunde Entwicklung des Quartiers, gerade für ihre Kinder, am Herzen liegen sollte.“