„Nummer gegen Kummer“ auch in Halle

Kinderschutzbund: Wo Kinder und Jugendliche anonym ihr Herz ausschütten können

Hast du Kummer oder Sorgen? Dann brauchst du jemanden, der dir zuhört. Das hilft für‘s Erste oft schon. Allerdings ist es nicht immer leicht, sich jemandem anzuvertrauen. Die Eltern sind häufig mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Und zu groß ist manchmal die Angst, von anderen nicht verstanden oder gar ausgelacht, zurückgewiesen und verpetzt, also nicht ernst genommen zu werden. In diesen Fällen bleibt nicht selten Hilflosigkeit, Scham, Angst, Wut und grenzenlose Traurigkeit zurück. Dagegen gibt es ein „Rezept“, nämlich die „Nummer gegen Kummer“.

Stress mit den Eltern, Geschwistern, Freunden, in der Schule – mit Mitschülern beziehungsweise Lehrern oder wegen schlechter Zeugnisse –, aber auch Liebeskummer, Mobbing, Suchtverhalten, Selbstverletzung oder Gewalterlebnisse, das sind Erfahrungen für Kinder und Jugendliche, die auf Dauer schwer auf der Seele lasten. Vor allem, wenn man keinen geeigneten Gesprächspartner hat, dem man vertrauensvoll sein Herz ausschütten kann. Und der einen gleichzeitig kompetent und tolerant dazu berät, wie man einen Ausweg aus dem ganzen Dilemma finden könnte. Oder der, wenn nötig, zusätzliche fachliche Hilfe am Wohnort vermittelt. Außerdem möchte man vielleicht nicht preisgeben, wie man heißt und wo man wohnt. Da ist guter Rat wirklich teuer, oder?

Nein, eigentlich ist das nicht so. Denn die bundesweit zugängliche „Nummer gegen Kummer“ des gleichnamigen Vereins aus Wuppertal hilft Kindern und Jugendlichen in Not weiter. Speziell das hiesige Kinder- und Jugendtelefon, seit August 1995 eigenständig unter dem Dach des Deutschen Kinderschutzbundes (Anhalter Platz 1) agierend, ist mit seinen zurzeit 20 aktiven ehrenamtlichen Beratern von montags bis samstags zwischen 14 und 20 Uhr unter der „Nummer gegen Kummer“ 116111 zu erreichen. Und dies, so Koordinatorin Michaela Fritsch, anonym und kostenfrei – sowohl vom Festnetz als auch vom Handy aus. Die Anrufe könnten auch nicht zurückverfolgt werden. Sie würden hingegen dokumentiert, unter anderem, um Tendenzen in den Problemlagen der jeweils jungen Generation zu erkennen.

Verständnisvolle Frauen und Männer, die meisten von ihnen mit viel Lebenserfahrung und gleichfalls anonym bleibend, haben stets ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme der Heranwachsenden – egal, wie groß deren Probleme sind oder wie lange das Gespräch dauert. Und gemeinsam werde nach Lösungswegen gesucht, um das Bestmögliche für das anrufende Kind beziehungsweise den Jugendlichen zu erreichen, erklärt eine langjährige Ehrenamtlerin. Wer sich allerdings lieber Gleichaltrigen mit seinen Kümmernissen anvertrauen möchte, der kann diese jeden Samstag von 14 bis 20 Uhr unter derselben oben genannten Nummer erreichen.

Hilfe, rund um die Uhr und ebenfalls kostenfrei, können sich Kids und Teens, die lieber schreiben als reden, übrigens auch im Internet unter der Rubrik „em@il-Beratung“, holen. Antwort soll es in der Regel innerhalb von ein bis zwei Tagen geben.

Die meisten der 6.000 gegenwärtig in Halle pro Jahr Anrufenden sind 11 bis 15 Jahre alt. Mädchen und Jungen halten sich dabei zahlenmäßig etwa die Waage. Und wenn es auch hin und wieder zu Spaß-Anrufen käme oder jemand die „Nummer gegen Kummer“ mit einem Gratis-Sex-Telefon verwechsle: Gemeinhin seien die Anrufe ernster Natur, resümieren die hilfreichen Telefon-Engel. Und manchmal sei es schon sehr hart, wie verzweifelt Teenager seien, die aufgrund des Leistungsdrucks vonseiten der Eltern und der Gesellschaft nicht zu sich selbst finden und zu sich selbst stehen können. Oder die persönlichem beziehungsweise Cyber-Mobbing, aber ebenso Liebeskummer oder Gewalttaten ausgesetzt seien. Da passiere es zuweilen, dass Selbstmorde angekündigt würden. Diese Last nehme man zweifellos mit nach Hause, so eine weitere hallesche Beraterin. Obwohl man den Kindern und Jugendlichen in den überwiegenden Fällen wieder Mut machen könne, den nächsten positiven Schritt zu gehen, ergänzt sie.
Die fundierte 80-stündige Ausbildung biete deshalb neben Modulen zu Themen wie Psychologie, Sucht, Recht, Kommunikationstraining und neuen Medien eine gute Grundlage, um sich individuelle Gesprächs- sowie Problembewältigungsstrategien anzueignen. Und ein Dankeschön für ein warmherziges Gespräch, begleitet von Anzeichen für neuen Lebensmut, wirke immer wieder motivierend, so die einhellige Meinung der ehrenamtlichen Telefon-Berater, die zwischen zwei und sechs Stunden im Monat für diese verantwortungsvolle und wichtige Tätigkeit aufbringen.

Die 20 halleschen „Nummer gegen Kummer“-Mitarbeiter unterstützen übrigens gleichermaßen Eltern und Großeltern, die sich Sorgen um ihre Kinder wie Enkel machen – ob es nun um schlechte Noten in der Schule, falsche Freunde, Internetgefahren, Mobbing, Suchtverhalten der Kids oder familiäre Probleme wie Überforderung, Trennung und Scheidung oder Arbeitslosigkeit geht. Koordinatorin Carola Richter: „Das Elterntelefon mit der Nummer 0800-1110550, das in unserem Haus seit nunmehr 15 Jahren angeboten wird, ist von Montag bis Freitag zwischen 9 und 11 Uhr sowie zusätzlich dienstags und donnerstags zwischen 17 und 19 Uhr kostenfrei und anonym erreichbar.“

Ein neuer Ausbildungskurs für Erwachsene, die Kindern, Jugendlichen oder deren Eltern beziehungsweise Großeltern bei Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen wollen, beginnt übrigens im Januar 2019. Interessenten melden sich bei Frau Fritsch oder Frau Richter unter der Telefonnummer 0345/7704987.

Das hallesche Beratungsteam wurde in diesem Jahr mit dem Ehrenamtspreis der Stiftung Deutsche Kinder-, Jugend-, Elterntelefone ausgezeichnet und ist für den Deutschen Engagementpreis 2018 nominiert worden.