Ökologische Zeitbombe unter Ammendorf?

Das giftige Orgacid-Erbe aus der Nazi-Zeit beunruhigt zunehmend Anwohner

Alle reden über die gesundheitlichen Gefahren durch den Einsatz von giftigen Pestiziden auf deutschen Feldern; jetzt wieder befeuert durch die Fusion von Bayer AG und Monsanto. Das ist richtig und nötig. Aber wer redet eigentlich über die Gifte, die sich in den Böden vor unserer Haustür befinden – und das schon seit teilweise vielen Jahrzehnten?

Die ökologische Zeitbombe tickt, und zwar in Ammendorf. Anwohner wie Eckhard Menz machen sich große Sorgen und verlangen, dass endlich etwas getan wird.

Der Ammendorfer Eckhard Menz befürchtet vergiftete Brunnen durch die Orgacid- Hinterlassenschaften. (Foto: Alexander Bräunig)
Der Ammendorfer Eckhard Menz befürchtet vergiftete Brunnen durch die Orgacid- Hinterlassenschaften. (Foto: Alexander Bräunig)

Von der Sperrzone hinter dem ehemaligen Hauptgebäude der Orgacid G.m.b.H. in der Camillo-Irmscher-Straße gehen tödliche Gefahren aus – das ahnen zumindest die alten Ammendorfer, deren Verwandte zwischen 1938 und 1945 in dem Giftgas produzierenden chemischen Werk im Dreieck Eisenbahnstraße/Schachtstraße/Camillo-Irmscher-Straße arbeiteten beziehungsweise dessen toxische Hinterlassenschaften nach dem Einzug der amerikanischen und russischen Alliierten 1945 und darüber hinaus beseitigten. Oft mit bleibenden Schäden für Leib und Leben. Oder die bei stärkerem Regen in nahe gelegenen Straßengräben schon früher eine undeutbare ölige, weißlich-gelbliche Masse entdeckten. Während längerer Hitzeperioden im Sommer nahm darüber hinaus wohl ein unerträglicher Gestank so manchem in Ammendorf den Atem. Und verwunderlich schien gleichermaßen, dass auf manchen Flecken des Geländes kaum oder nichts Grünes wuchs.

In den fünf Katakomben und acht weit verzweigten Zisternen, die nach 1945 trotz Sprengung diverser Hauptteile der Todesfabrik erhalten blieben und in den 1990er Jahren durch rund zwei Meter Mineralboden abgedeckt wurden, vermutet man nicht schätzbare Reste des dort produzierten Giftgases „Lost“. Schon im Ersten Weltkrieg war der deutsche Gaskampfstoff Dichlordiethylsulfid mit der Grundkomponente Oxol bei gegnerischen Soldaten sehr gefürchtet, weil er laut dem halleschen Industrie-Historiker Erich Gadde „die Atmosphäre und das Gelände durch Dämpfe und Aerosole für längere Zeit“ vergifte sowie schädigend „auf Haut, Schleimhäute und Augen“ wirke („Au[g]enblicke“, Band 3/1 – Streifzüge durch die Elster-Luppe- und Saaleaue“).

„Au[g]enblicke“, Band 3/1, mit Beitrag von Erich Gadde. (Repro: Alexander Bräunig)
„Au[g]enblicke“, Band 3/1, mit Beitrag von Erich Gadde. (Repro: Alexander Bräunig)
„Lost“ (Deckname für Dichlordiethylsulfid und aus den jeweils ersten beiden Buchstaben der Nachnamen von Wilhelm Lommel und Wilhelm Steinkopf, beide Mitarbeiter am Kaiser-Wilhelm-Institut und Beteiligte an der Herstellung des Kampfstoffes, gebildet) oder „Gelbkreuz“ (die damit befüllten Granaten trugen ein gelbes Kreuz) wurde aufgrund seines stechenden Geruches auch „Senfgas“ genannt. Die Menschen erstickten, weil sie keine Luft mehr bekamen, trugen ebenfalls Verätzungen am Körper davon.

Produzieren mussten dieses Giftgas aufgrund der stetig steigenden Lieferforderungen des Nazi-Regimes nicht nur die der Gesundheitsgefährdung ausgesetzten Arbeiter der Orgacid G.m.b.H., sondern aller Wahrscheinlichkeit nach ebenso unzählige europäische Zwangsarbeiter. Denn rund 90 Prozent der Senfgasproduktion für den Zweiten Weltkrieg wurden bis 1942 von dieser – im doppelten Sinne des Wortes – Todesfabrik hergestellt.

Bereits im Jahr 1960 empfahlen laut Erich Gadde Giftgas-Experten der DDR, das gesamte Orgacid-Areal für 50 Jahre zu sperren. Nun sind inzwischen mehr als 70 Jahre seit der Produktionseinstellung des perfiden Kampfstoffes vergangen, aber immer noch lauern die todbringenden giftigen Hinterlassenschaften unentdeckt und vor allem unentsorgt im Erdreich.

Nach 1990 wurden zwar Millionen in die Absicherung des Geländes sowie in den teilweisen Abtransport der gefährlichen chemischen Stoffe investiert. Doch viel Geld wurde scheinbar an den Staat zurückgegeben. Einerseits erschienen die Kosten für die komplette Vernichtung der „Lost“-Überreste zu unermesslich, andererseits fehlte es an den benötigten einstigen Bauplänen als Grundlage, um den genauen Umfang an noch vorhandenem Giftgas realistisch einschätzen zu können. Dafür kann man ein gewisses Verständnis aufbringen. Jedoch gibt es Quellen, die behaupten, dass nach 1990 noch etwa 30 Tonnen Giftstoffe an die Oberfläche traten. Und Gadde merkt in seinem Beitrag an, dass „die ab 1939 außerhalb des Orgacidgeländes gebaute Abfüllstation für Gelbkreuz-Artillerie- und Abwurfmunition bis heute noch nicht lokalisiert worden ist.“

Eckhard Menz verweist unter anderem auf die möglichen Folgen eines unberechenbaren Austritts dieses teuflischen Kriegsproduktes für die vielen Brunnen, die Eigenheimbauer einst auf ihren Ammendorfer Grundstücken ausschachten ließen. Der 63-Jährige, der selbst in der Hermann-Kusseck-Straße wohnt, fragt: „Muss erst etwas Schlimmes passieren, ehe man die gefährlichen Gifte entsorgt?“

Die Kopf-in-den-Sand-Mentalität der staatlichen Institutionen kann der Vorruheständler, der aus dem thüringischen Steinbach-Hallenberg stammt, von Beruf Maurer war und seit 40 Jahren in der Saalestadt lebt, nicht nachvollziehen. Sein Brief von vor zwei Jahren an die damalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks blieb unbeantwortet.

Doch der Wahl-Hallenser möchte die Hoffnung nicht aufgeben. Eckhard Menz will sich nun auch an die neue Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, Svenja Schulze, wenden sowie mit der sachsen-anhaltischen Umweltministerin Claudia Dalbert Kontakt aufnehmen. Und er sucht noch Gleichgesinnte, die ihn in seinem Kampf gegen die tückische ökologische Zeitbombe unterstützen. Das Giftgas-Problem ist ihm zu wichtig, um es noch einmal 70 Jahre lang zu ignorieren.