Redaktion Halle-Nord

„Ökologischer Waldumbau“ geht weiter

20 Jahre alte Planung wird im Trothaer Wäldchen (fast) durchgezogen

Ist es angesichts des rasant fortschreitenden Klimawandels sinnvoll, ein Waldumbau-Konzept umzusetzen, das bereits vor rund 20 Jahren erarbeitet wurde? Was passiert, wenn Bestandswälder, welche die beiden jüngsten heißen Sommer noch halbwegs überstanden haben, dezimiert würden und Neuanpflanzungen über Jahre hinweg Unmengen von immer knapper werdendem Wasser verzehren? Von der Befürchtung einmal abgesehen, dass die neuen Bäume bei anhaltender sommerlicher Trockenheit gar nicht im Boden anwachsen und gedeihen. Diesen besorgten Fragen und Einwendungen von Anwohnern ging die dritte Bürgerveranstaltung der Deutschen Bahn zur „Herstellung eines naturnahen Waldes“ in Trotha Ende September im Vereinshaus der Kleingartenanlage „Am Küttener Weg“ (Gottfried-Keller-Straße 55) nach.

Gleich zu Beginn noch einmal die Fakten zum Verständnis: Als Ersatzmaßnahme für die Zugbildungsanlage an der Berliner Brücke soll das rund 8,5 Hektar große Trothaer Wäldchen zwischen der Eisenbahnstrecke im Westen, dem Karl-Ernst-Weg im Norden und der Mötzlicher Straße im Süden „durch einen Waldumbau ökologisch aufgewertet werden“. Träger für die Arbeiten im städtischen Forst ist die Kommune.

Seit Jahresanfang wurden rund 2.500 Robinien geringelt. Dabei handelt es sich um invasive Neophyten – also nicht heimische Bäume, die durch ihre Stickstoffbindung andere, einheimische Baumarten wie auch Spinnen und Laufkäfer massiv verdrängen. Diese Robinien werden nach Auskunft von Helge Dreher vom halleschen Ingenieurplanungsbüro dsi in den kommenden fünf Jahren absterben. Darüber hinaus, so der Landschaftsplaner, würden kranke oder bereits tote gebietsfremde Hybridpappeln sowie Eschenahorne zur weiteren Naturverjüngung entfernt. Es entstünden, vor allem im Zentrum des Waldes, sieben Lichtinseln. Die erneuten Arbeiten begannen Anfang Oktober. Künftig soll dann hier ein naturnaher, artenreicher Mischwald entstehen. Dies sei laut Dreher die einzig richtige Antwort auf den Klimawandel. Er ergänzte: „Was auch zahlreiche Experten bestätigen“. Es werden also einheimische Eichen, Linden, Hainbuchen und andere Bäume angepflanzt. In den Planungsunterlagen ist von einer „fünfjährigen Fertigstellungspflege“ die Rede. Die Rotmilan-Horst-Schutzzone werde zudem nicht angetastet, Wildschutzzäune würden angelegt, befestigte Baustraßen nicht benötigt.
Zur Vollständigkeit gehört, dass Hinweise und Kritiken von Anwohnern, Arbeitskreis Hallesche Auenwälder (AHA), Naturschutzbund Deutschland (NABU) sowie Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) nach den ersten beiden Waldspaziergängen durch das hallesche Ingenieur-Planungsbüro dsi zu geänderten Planungen für den Waldumbau führten. So wurden weit weniger Robinien geringelt als ursprünglich festgelegt, im jetzigen Herbst auf den neu zu schaffenden Lichtinseln statt 250 Bäumen voraussichtlich lediglich 30 bis 40 gefällt. Die Jugendlichen dürfen ihr BXM-Areal behalten, schnellwachsender Knöterich wird massenhaft entfernt. Viele Kubikmeter Bauschutt und Müll sollen aus Wald und verlassenen Gärten entsorgt werden.

Helge Dreher (links) vom Ingenieurplanungsbüro dsi diskutierte auch nach der Bürgerversammlung noch angeregt und kontrovers mit Anwohnern. (Foto: Gabriele Bräunig)

Doch die Gäste der Veranstaltung sowie einige Naturschutzverbände sahen das ganze Vorhaben erneut zumindest kritisch. Von sogenannten Experten habe man die Nase gestrichen voll, hieß es. Man sehe ja, was dabei bezüglich des Klimawandels herausgekommen sei. Eine Schülerin, die in Halle bei „Fridays for future“ aktiv ist, mahnte die Verantwortlichen für den geplanten Waldumbau besonders eindringlich, bezüglich der künftigen Forstarbeiten umzudenken. Der Baumbestand im Trothaer Wäldchen sei natürlich herangewachsen, überstand bisherige Hitzewellen recht gut, biete Schatten, die zu rodenden Gebüsche im Nordwesten des Waldes seien Unterschlupf gerade jetzt im Herbst wieder für Igel und zahlreiche Vögel, dienten im Frühjahr als Bienenweiden. Auf die Nachfrage, wie man sicherstellen wolle, dass die neu gepflanzten Bäume überhaupt anwachsen, antwortete Helge Dreher: „Selbst wenn nur 20 Prozent der rund 10.000 Stecklinge gedeihen, reicht das völlig aus. Und wenn es zum Beispiel die Eiche bis zum fünften Jahr schafft, dann ist sie stabil.“ Sehr stark sorgten sich die Anwohner um den wahrscheinlich immensen Wasserverbrauch für die neuen Bäume. „Woher nehmen sie das viele Wasser angesichts der bereits in diesem Jahr in Halle nachgewiesenen Wasserknappheit – von uns?“, insistierte eine Trothaerin.

Städtische Vertreter der entsprechenden Fachbereiche fehlten bei der Bürgerversammlung – trotz Ankündigung. So konnte auch auf diese Frage, so wie auf einige andere, keine konkrete Antwort gegeben werden. Die Resignation darüber, dass sich nach den demokratischen Teilhabemöglichkeiten zum Waldumbau sowieso nichts ändern werde, lockte nur rund 25 Frauen, Männer sowie Jugendliche zur Diskussion mit Deutscher Bahn und dem Planungsbüro.

Der AHA und die darin integrierte Initiative Pro Baum haben Mitte August eine Online-Petition gegen den Waldumbau gestartet und kündigten eventuelle rechtliche Schritte an. Seit Langem wird unter anderem die Entwicklung einer Streuobstwiese auf dem Gelände der früheren Fasanerie östlich des Seebener Busches gefordert. Komplette Planänderungen jedoch, so Helge Dreher, gingen nicht ohne die Inanspruchnahme zusätzlichen Grund und Bodens sowie nicht ohne zahllose andere Betroffene wie Grundstückseigentümer oder Bewohner einher.