Orgacid: Ministerium sieht keine Gefahr

Landespolitiker: „Noch offene Fragen“ – Stadt kündigte weitere Untersuchungen an

In unserer Juli-Ausgabe hatten wir über das „giftige Orgacid-Erbe aus der Nazi-Zeit“ im Süden der Händelstadt berichtet, das Ammendorfer Anwohner beunruhigt. Die von Eckhard Menz in „Treffpunkt Stadtteil“ beschriebene Sorge über mögliche toxische „Bodenschätze“ veranlasste die Landtagsabgeordneten Thomas Keindorf (CDU) im Juli sowie Andreas Schmidt (SPD) im August zu „Kleinen Anfragen“ an Sachsen-Anhalts Landesregierung. In der Folge griffen auch mehrere Medien sowie Halles Stadtverwaltung die Problematik auf.

Hinter der einstigen Verwaltung der Orga­cid GmbH im Dreieck Eisenbahnstraße/Schachtstraße/Camillo-Irmscher-Straße in der Camillo-Irmscher-Straße gehen tödliche Gefahren aus. Zumindest seien ältere Ammendorfer davon überzeugt, deren Verwandte zwischen 1938 und 1945 in dem Giftgas produzierenden chemischen Werk arbeiteten beziehungsweise dessen toxische Hinterlassenschaften nach dem Einzug der amerikanischen und russischen Alliierten 1945 und darüber hinaus beseitigten. So war es in der vorigen Süd-Ausgabe von „Treffpunkt Stadtteil“ zu lesen.

Sachsen-Anhalts Umweltministerium widerspricht in seiner Antwort auf die Keindorf-Anfrage dieser Sorge, verweist auf Gutachten und mehrere Untersuchungen in der ersten Hälfte der 1990er Jahre. Unter anderem habe es eine multitemporale Luftbildauswertung; geophysikalische Untersuchungen zur Suche unterirdischer Bauwerke, Fundamente und anderer Anomalien, gezielte Untersuchungen der Umgebungsluft und des Grundwasserabstroms sowie eine Untersuchung der Bodenkontaminationen gegeben. Auch sei ein hydrogeologisches Gutachten für das ehemalige Fabrikgelände und das umliegende Territorium sowie eine Gefährdungsabschätzung erstellt worden. Ergebnis laut Ministerium: „Die Gutachten kommen zu dem Ergebnis, dass eine Gefährdung durch chemische Kampfstoffe für das Grundwasser und die Luft auszuschließen ist. Es besteht keine Gefahr für die Bevölkerung. Die einzige Gefährdungsmöglichkeit für Menschen wird bei Grabungsarbeiten für die damit beschäftigten Personen durch direkten Kontakt mit freigelegten kontaminierten Gebäuderesten gesehen.“

Die Antwort des Umweltministeriums auf seine sieben gestellten Fragen befriedigte Thomas Keindorf nicht unbedingt: „Viele Fragen der Bürger vor Ort bleiben unbeantwortet. Liegt aktuell eine Belastung des Grundwassers und Beeinträchtigung der Brunnenwasserqualität auf Privatgrundstücken in der Umgebung vor? Welche Spätfolgen sind aufgrund von Materialermüdung denkbar?“, so der CDU-Politiker.

Weitere Recherchen im Landesarchiv bestätigen Keindorfs Information zwar, „dass in den 1990er Jahren Untersuchungen zu unterirdischen Bauwerken durchgeführt wurden. Jedoch nur auf Teilen des Geländes“. Fazit des Landtagsabgeordneten: „Gutachten aus der Zeit legen dar, dass der Untergrund des Orgacid-Geländes mit Zersetzungsprodukten von Lost, giftigen Schwermetallen, Blei und anderen chemischen Substanzen belastet ist. In einem Fall werden Spuren von Schwefel-Lost in Bauteilen nachgewiesen. Messungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Konservierung von Kampfmittelstoffen in Gebäudefundamenten nicht ausgeschlossen werden kann. Zu der Frage, inwieweit sich unter den ermittelten Substanzen Arsen befindet, existieren widersprüchliche Angaben in den Akten.“

Eine mögliche Gefährdung durch die Or­gacid-Hinterlassenschaft war Ende September dann auch Thema in der öffentlichen Beigeordnetenkonferenz der halleschen Stadtverwaltung. In der Folge seien auf dem entsprechenden Areal Anfang Oktober mehrere Grundwasserproben entnommen worden, welche letztlich aber nicht zu eindeutigen Ergebnissen geführt hätten. Allerdings habe die Stadtverwaltung eine aktuelle Gefährdung der Anwohner ausgeschlossen. Die Problematik soll aber nicht von der Tagesordnung verschwinden. Weitere Untersuchungen des Grundwassers und des Bodens kündigte die Stadtverwaltung für das kommende Jahr an.

Die entsprechende Ankündigungen aus Halles Verwaltung begrüßte der CDU-Landespolitiker im Sinne der besorgten Ammendorfer: „Dass die Befürchtungen von Anwohnern nach einer Belastung des Grundwassers jetzt bestätigt werden, rechtfertigt weitere Untersuchungen. Dabei gilt Gründlichkeit vor Schnelligkeit.“ Zugleich kritisierte Thomas Keindorf, dass „die in der Vergangenheit dokumentierten Erkenntnisse bei der aktuellen Darstellung keine Rolle spielten“. Weiteren Klärungsbedarf sehe er auch „zu den Entscheidungsprozessen Anfang der 1990er Jahre, die zu der Sanierung des Geländes in Form einer Erdabdeckung geführt haben“.