Redaktion Halle-Süd

Sinneswandel – wandelfähig

Vor knapp 30 Jahren wurde in Halle die Idee einer „Sensorischen Welt“ geboren

Stellen Sie sich vor, Sie verirren sich abends in einem Wald und innerhalb weniger Minuten wird es stockdunkel. Nicht einmal eine schmale Mondsichel weist Ihnen den Weg aus dem beängstigenden Dickicht heraus. Ein klein wenig angenehmer wird die Situation, wenn sich das Auge langsam an die Dunkelheit gewöhnt, man wenigstens Schemen wahrnehmen und sich dadurch etwas besser orientieren kann. Sehbehinderte und vor allem blinde Menschen haben es allerdings im Alltag generell ungleich schwerer, sich im öffentlichen Raum zurechtzufinden – vor allem dann, wenn der Verlust des Sehvermögens abrupt eintritt. Das Berufsförderungswerk (BFW) Halle hatte da 1990 eine gute Idee zum Trainieren des Orientierungsvermögens …

In Deutschland leben rund 155.000 blinde sowie etwa 500.000 sehbehinderte Menschen. Viele von ihnen werden bereits ohne Augenlicht geboren. Andere verlieren es schleichend, beispielsweise durch Diabetes oder plötzlich durch einen tragischen Unfall. Ein weitgehend aktives Leben ist in diesen Fällen nur möglich, wenn man die verbleibenden Sinne wie Gehör-, Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn langfristig trainiert, um sich nicht nur in der Wohnung besser zurechtzufinden, sondern besonders auch im Freien: In der Stadt, auf dem Land oder eben im oben genannten Wald, zum Beispiel im Urlaub. Vor allen Dingen gilt es hierbei natürlich, Gefahrenquellen zu erkennen und zu umgehen.

Laura Schulze vom BFW schickt Sehende nicht nur sprichwörtlich im Dunkeln in den Wald. (Foto: Gabriele Bräunig)
Laura Schulze vom BFW schickt Sehende nicht nur sprichwörtlich im Dunkeln in den Wald. (Foto: Gabriele Bräunig)

Im Jahr 1998 konnten blinde und sehbeeinträchtigte Hallenser erstmals in der „Sensorischen Welt“ ihre Sinne im Alltag auf die Probe stellen und schulen. Das Konzept haben damals unter anderem der Orientierungs- und Mobilitätstrainer Mario Vollmar sowie Laura Schulze vom Berufsförderungswerk Halle (Saale) gGmbH im Beruflichen Bildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte in der Bugenhagenstraße 30 entwickelt. Unterstützt wurde der Aufbau dieser Welt der Sinne durch Fördermittel der Europäischen Union. Denn Blinde und Sehbehinderte waren früher nicht so mobil wie heute und hatten (und haben zum Teil noch immer) entsprechende Probleme, ihren besonderen Fähigkeiten entsprechende Arbeitsplätze zu finden. In den Räumlichkeiten der „Sensorischen Welt“ war es nun möglich, im geschützten Umfeld, ohne dass es gleich zu lebensbedrohlichen Unfällen kommt, zu üben, wie es ist, sich in einem Wald, einem Dorf oder einer Stadt mit all den verschiedenen Barrieren, Bodenbeschaffenheiten, Verkehrsgegebenheiten oder angenehmen beziehungsweise überlauten Geräuschen aufzuhalten.

Diese Brillen simulieren diverse Augenkrankheiten. Man kann dadurch nachempfinden, welche Probleme sehbehinderte Menschen im Alltag haben. (Gabriele Bräunig)
Diese Brillen simulieren diverse Augenkrankheiten. Man kann dadurch nachempfinden, welche Probleme sehbehinderte Menschen im Alltag haben. (Gabriele Bräunig)

Und auch heute noch ist das spannende und erlebnisreiche Sinnes-Zentrum im BFW Halle ein Anziehungspunkt für viele Besucher, auch wenn es aktuell hauptsächlich sehende Menschen sind, die im wahrsten Sinne des Wortes hier einen Sinneswandel erleben. Denn nach all dem Wandeln durch die unterschiedlichen Refugien im Dunkeln plus zahlreichen Experimenten mit Licht und Farben, Braille-Schrift, Gerüchen sowie dem Präsentieren von Hilfsmitteln für Blinde und dem Aufzeigen von Auswirkungen diverser Augenkrankheiten anhand von besonderen Brillen empfinden die meisten der Neugierigen hinterher mehr Verständnis für sehbehinderte Menschen. „Sie reagieren sensibler und hilfsbereiter, wenn diese auf der Straße, vor oder innerhalb eines Gebäudes oder in einem öffentlichen Verkehrsmittel Unterstützung benötigen“, erzählt Laura Schulze.

Rund 6.000 Frauen, Männer und vor allem Kinder und Jugendliche haben das in Deutschland einzigartige Projekt bisher aufgesucht. Seit dem Jahr 2014 und noch bis zum 31. Juli kommenden Jahres laufe es unter dem Projektnamen „Sinneswandel für Schulerfolg“, so die jetzige Leiterin Jana Scheidemann. Auch dieses pädagogisch wertvolle Vorhaben wird durch die EU und von unserem Bundesland finanziell gefördert und ständig weiterentwickelt. Ziel ist es, die sozialen Kompetenzen von Mädchen und Jungen aller Schulformen zu entwickeln. Das in der „Sensorischen Welt“ Erlebte, Geübte und Erlernte soll die junge Generation für andere Menschen sensibilisieren sowie konstruktive Handlungsfähigkeit und Selbstbewusstsein anhand von gemeinsam gelösten Aufgaben stärken.

Wie ist es, sich als blinder Mensch in einer Stadt zu orientieren, mit all ihren Hindernissen? Hier kann man es als Sehender erproben, wenn das Licht ausgeschaltet wird. (Gabriele Bräunig)
Wie ist es, sich als blinder Mensch in einer Stadt zu orientieren, mit all ihren Hindernissen? Hier kann man es als Sehender erproben, wenn das Licht ausgeschaltet wird. (Gabriele Bräunig)

Wie es nach dem Projektende weitergeht, kann Jana Scheidemann noch nicht abschätzen. Sie wünscht sich freilich, dass das erlebnispädagogische Angebot besonders für junge Menschen erhalten bleibt. Doch – wie so oft – wird auch diese Bildungseinrichtung gewiss wieder aufwändig Projektanträge stellen müssen und kann nur hoffen, dass die immense und wichtige Arbeit, die hier geleistet wird, weiterhin gesellschaftlich anerkannt wird. Aber vielleicht finden sich ja auch hallesche Einrichtungen, mit denen sich weiterführende Synergien ergeben.

Weitere Informationen im Internet unter www.bfw-halle.org/sensorische-welt