Redaktion Halle-Süd

Slawen und Flamen in friedlicher Eintracht

Kolonisten gründeten wohl Böllberger Kirche St. Nikolaus

Die Stadt Halle besitzt zwei Stationen entlang der touristischen „Straße der Romanik“: Im Norden, hoch über der Saale, die Burg Giebichenstein. Im Süden die weniger bekannte Dorfkirche Sankt Nikolaus (Schutzheiliger der Fischer) der ehemaligen slawischen Siedlung Böllberg, die am rechten Saaleufer wahrscheinlich um 700 nach Christus von sorbischen Fischern angelegt wurde.

Die erste Nennung des Ortes „Belberch uf der Sale“ erfolgte 1270 in einer Urkunde des Erzbischofs Konrad II. Der Name kann unterschiedliche Bedeutungen haben: „Siedlung im Walde“ oder „Ort am weißen Berg“. Die kleine Kirche wurde um 1200 wahrscheinlich von niederländischen Kolonisten (Flamen) errichtet, die der Erzbischof Wichmann ins Land gerufen hatte, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Die Neuankömmlinge trockneten die Sümpfe und gewannen neues Ackerland. Ihre Ansiedlungen entstanden neben der bisherigen Ortslage, und so lebten Slawen und Flamen friedlich nebeneinander.

Die vom Ursprungsbau erhaltene Wetterfahne bestätigt noch heute mit ihrer Aufschrift „1184“ die Entstehungszeit der Böllberger Kirche. Eine indirekte, urkundliche Erwähnung erfolgte jedoch erst 1291, als ein Kaplan Ehrhard in „ville Boelberg“ mit Land ausgestattet wurde. 1307 konnte sich die „capella in villa dicta Belberge“ von der bisherigen Mutterkirche St. Georg in Glauchau abtrennen und wurde selbstständige Pfarrkirche. Mit der Reformation wurde die Kirche eine Filialkirche der St. Petrikirche in Wörmlitz und der erste evangelische Pfarrer nahm seinen Dienst auf. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde der Ort mehrfach von Epidemien (Pest und Cholera) heimgesucht.

Da die kleine Kirche zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr zum Gottesdienst genutzt wurde, erwog man ihren Abriss. Der preußische Landeskonservator Ferdinand von Quast (1786-1877), ein Schüler von Schinkel, setzte sich aber für deren Erhalt ein. So begann man 1845 mit der Restaurierung. Seit 1858 (bis 1945) war die Mühlenbesitzer-Familie Hildebrandt Patron der Kirche. Noch heute befindet sich neben dem Kircheneingang das spätklassizistische Grabmal der Familie. Und eine Gedenktafel aus Sandstein erinnert an die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. 1950 wurden die beiden Gemeinden Wörmlitz und Böllberg schließlich in die Stadt Halle eingemeindet.

In den 1970er Jahren wurde mit der Errichtung der Neubaugebiete Südstadt II und Silberhöhe auch der Böllberger Weg zu einer vierspurigen Straße mit eigenem Gleiskörper der Straßenbahn ausgebaut. Dieser Baumaßnahme fielen nicht nur ein Teil des Dorfes, sondern auch die Leichenhalle mit aufgesetztem Turm und ein Teil des Friedhofgeländes zum Opfer. Seitdem ragt die Apsis der Kirche in den Gehweg hinein. Als Ersatzbau entstand 1982 ein freistehender, moderner Glockenturm – ebenfalls in traditionellem Bruchsteinmauerwerk – für eine Glocke aus dem Jahr 1921. Anstelle eines zuvor benutzten Harmoniums erhielt die Kirche 1979 eine Orgel des Merseburger Orgelbauers Georg Kühn.

In den Jahren 2005 und 2006 wurde das Bauwerk umfassend instand gesetzt. Bereits am Himmelfahrtstag 2006 konnte der Abschluss der Bauarbeiten mit einem Festgottesdienst gefeiert werden. Der Glockenturm wurde 2014 saniert und umgebaut; seitdem wird die Glocke elektrisch betrieben. Kennzeichnend für den romanischen Baustil ist die wuchtige Bruchsandstein-Bauweise, wobei die Nordseite mit den drei kleinen rundbogigen Fenstern architektonisch unverändert geblieben ist.

Die Kirche ist ein schlichter Saalraum mit halbrunder Apsis im Osten. Im Innern hat sich die spätgotische Schablonenmalerei an der flachen Decke des Kirchenschiffs erhalten. Das älteste Stück ist der romanische Taufstein in Form eines Kelches. Ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammen das Tympanon und die Tischplatte des Altars mit einer Vertiefung für die Reliquien. Aus der Übergangszeit zwischen Spätrenaissance und Barock stammen dagegen die Kanzel, ein geschnitztes Kruzifix und ein bemaltes Luther-Holzrelief (1657).
Ein Besuch des architektonischen Kleinods lohnt sich, denn St. Nikolaus ist die einzige, ungewöhnlich gut erhaltene Kirche in Halle aus der Epoche der Romanik.

Von Mai bis Oktober steht die Kirche samstags von 10 bis 17 Uhr zur Besichtigung offen, ansonsten nach Vereinbarung mit Pfarramt oder Gemeindebüro
(Telefon: 0345/4441491 oder E-Mail: kirchengemeinde-woermlitz@web.de).
Die „Hallesche Nacht der Kirchen“ und der „Tag des offenen Denkmals“ bieten weitere Möglichkeiten zur Besichtigung.