Spielend von „Abyss“ bis „Zug um Zug“

Verein Würfelpech bietet Interessenten hunderte faszinierende Spiele – ohne Bildschirm

Zugegeben, es ist schon eine kleine Provokation, die jungen Leute eines Vereins, der ausschließlich „Spiele ohne Bildschirm“ spielen will, zu fragen, ob sie auch manchmal vor dem Computer oder der Spielekonsole sitzen und zocken wie die Weltmeister. Den Blick brav nach unten gesenkt, halb todernst, halb grinsend, antworten einige Mitglieder des halleschen Vereins Würfelpech (Hardenbergstraße 23) einhellig: „Neiiiin, wir doch nicht!“ …

Die eingeschworene Truppe nimmt es also mit Humor. So ist es recht. Denn neben Teamgeist, Ausdauer und Fantasie soll natürlich vor allem der Spaß im Vordergrund stehen, wenn man sich zusammenfindet, um sich gemeinsam mit „analogen“ Spielen zu beschäftigen. Und davon hat der 2013 gegründete Verein unzählbar viele – sogar selbst entwickelte, wie das Strategiespiel zum alten Japan von einem Japanologie-Studenten oder das von einem Bernburger kreierte „Ecogon“, mit dem man nachhaltige Öko-Systeme aufbauen kann.

Joshua Scherf (links) und Paul Henßge beim Brettspiel „Blood Bowl“, das strategische Fähigkeiten erfordert – und schult. (Foto: Gabriele Bräunig)

Die Regale sind hauptsächlich voll von klassischen sowie modernen Brettspielen, zuvorderst Strategiespielen. Wer kennt nicht solche Renner wie „Abyss“, „Game of thrones“, „Civilization“, „Attack“ oder „Die Siedler von Catan“. Aber auch aktuelle, sogenannte Pen&Paper-Rollenspiele (Grundlage: ein Buch mit Skript, aus dem mehrere Spieler eine gemeinsame Geschichte entwickeln können, in die jeder zu jeder Zeit eingreifen kann) oder Tabletop-Spiele (zu einem Thema werden Figuren aus Bausätzen selbst zusammengebastelt und angemalt, die dann auf einem großen Spielfeld – oft gegeneinander – frei agieren) sind hier sehr beliebt. Einige der Spiele wurden nach Büchern oder Filmen beziehungsweise Serien gestaltet, „Game of thrones“ oder „Die Simpsons“ zum Beispiel. Das „Spiel des Jahres“ 2017 war „King domino“. Das „Spiel des Jahres“ 2018 wird erst in diesem Sommer gekürt.

Vieles sieht auf den ersten Blick schwer verständlich aus. Joshua Scherf, einer der vier Würfelpech-Gründungsmitglieder lacht und meint: „Das Spiel-Design hilft oft schon, das Spiel zu verstehen. Und selbstverständlich kann man bei uns ebenso die Mensch, ärgere dich nicht!-Dame-Mühle-Halma-Spielesammlung, Jenga, Kartenspiele oder das Stühle-Stapel-Spiel hervorholen. Für jeden Spiele-Typ haben wir etwas.“

Die Gründungsmitglieder des Vereins Würfelpech waren 2013 Studenten – zum Beispiel der Pädagogik, der Biologie sowie Soziologie und Psychologie. Rund 70 Mitglieder umfasst der Verein heute; alles junge Leute mit sehr viel kreativer Energie. Ihr etwas bedrohlich dreinschauendes, aber originelles Maskottchen: Der Würfeltroll, kreiert von Vereinsmitglied Paul Determann.

Eine Tabletop-Spielfigur. Diese Figuren kann man aus Bausätzen selbst basteln und bemalen. (Foto: Gabriele Bräunig)

Die Vereinsräume in der zweiten Etage der Hardenbergstraße 23 am Wasserturm Nord sind ein offener Jugendtreff, der an sieben Tagen in der Woche für jeden Interessierten ab zirka 15 Uhr frei zugänglich ist. (Achtung: Linken Seiteneingang des Eckhauses benutzen!) Regelmäßige Treffen gibt es unter anderem zum „Spielecafé“ mit Kaffee und Kuchen an jedem ersten Sonntag im Monat oder zum „Extrembrettspieltag“, jeden dritten Samstag im Monat. Hier können Spiele auch schon einmal sechs bis acht Stunden dauern.

Dass die Würfelpechler bereits halb Halle mit ihrem Spielfieber angesteckt haben, bewiesen unter anderem die mehr als 500 hauptsächlich jugendlichen Besucher beziehungsweise jungen Erwachsenen, die sich zur ersten „Halle spielt!“-Veranstaltung im September 2017 in der Stadtbibliothek trafen. Der Erfolgs-Event ist für Familien mit Kindern ab etwa fünf Jahren geeignet und wird in diesem Jahr zum zweiten Mal ausgetragen – am 1. September von 10 bis 18 Uhr.

Vom 12. bis 14. Oktober führt der Verein darüber hinaus zum achten Mal den 50-Stunden-Gesellschaftsspiele-Marathon „HallunkenCon“, 2018 unter dem Motto „Conspirency“, durch. Hier soll es vor allem um fantasievolle Pen&Paper-Spiele zu Themen wie Piraten sowie Verschwörungstheorien gehen. Zu jeder „HallunkenCon“ werden übrigens selbst gestaltete Energy­drink-Dosen zu speziellen Themen vertrieben. Nähere Informationen zu „Halle spielt!“ sowie zur „HallunkenCon“ 2018 gibt es jeweils zeitnah im Internet.

Aufbau einer Armee zu einem Tabletop-Spiel. Die Figuren agieren frei auf einem großen Spielfeld – oft gegeneinander. (Foto: Gabriele Bräunig)

Was ist so faszinierend an Spielen ohne Bildschirm? Joshua Scherf dazu: „Brettspiele gehören zum deutschen Kulturgut.

Bei den modernen Spielen aus aller Welt und aus den Bereichen Science fiction, Detektei, Horror, Geschichte, Western, Piraterie und vielen anderen mehr kann man frei mit anderen zusammen Geschichten entwickeln, deren Grundlagen Regeln und Vertrauen sind – wie im richtigen Leben. Pen&Paper-Rollenspiele ähneln dem bekannten Improvisationstheater. Außerdem entwickeln diese Spiele vielfältige soziale Kompetenzen wie Selbst- und Fremdwahrnehmungs-, Team- sowie Konfliktfähigkeit, Verantwortungsgefühl und Hilfsbereitschaft. Diese Wirkung haben wir beispielsweise oft an unserem Projekt mit Schülern des Georg-Cantor-Gymnasiums gesehen.“ Man könne zudem viel aus den Pen&Paper-Rollenspielen sowie aus Strategiespielen lernen – vor allem über die Geschichte der Menschheit. Joshua Scherf: „Wissenschaftswissen trifft hier auf Hobby-Wissen.“ Spielen wird bei Würfelpech also auch als Bildungsauftrag verstanden!