Trauerfeier nach alten Sinti-Ritualen

Geheimnisvolle Kapelle: Rechtssprecher „Nauni“ 1915 in Osendorf bestattet

Laut Osendorfer Chronik begab es sich im Jahre 1895, dass auf den Elsterwiesen eine „Zigeunerhochzeit“ mit zahlreichen Gästen aus Nah und Fern gefeiert wurde. Der Lallari-Sinti Johann Watosch (oder Wladosch), der aus Österreich oder Süddeutschland stammte und mit Pferden handelte, verheiratete damals seine Tochter Maria mit einem Sinto namens Drullmann. Das Paar verließ Radewell nach dem einwöchigen opulenten Fest. Von den Anfang des 20. Jahrhunderts in ihren dortigen Winter-Quartieren lebenden Sinti zeugt heute jedoch nur noch eines kleines Mausoleum auf dem einstigen Friedhof in der Talstraße (heute Karl-Meißner-Straße).

Dort ruht der in ganz Deutschland unter den Sinti bekannte und verehrte Rechtssprecher Josef Weinlich – unter seinesgleichen Nauni genannt …

Das Stammeszeichen des Pferdehändlers. (Foto: Gabriele Bräunig)

Am 9. Oktober 1915 starb Josef Weinlich. Auf seinen Wunsch hin wurde die kleine Kapelle auf dem Radeweller Friedhof errichtet, denn ihm gefiel wohl der Ausblick auf die Elsteraue von dort aus sehr. Nach alten Überlieferungen soll eine ergreifende Trauerfeier für Josef Weinlich unter großer Beteiligung stattgefunden haben. Damals war es bei den Sinti üblich, dem Verstorbenen Brot, Getreide, Wein, Gold und Silber als Grabbeigaben zu überlassen. Während des anschließenden Totentrunkes im gegenüber dem Friedhof liegenden „Talschlößchen“ wurde der Brauch gepflegt, Bier auf den Boden zu schütten, damit es der Tote „unter der Erde“ bekommt.

Früher wussten alte Radeweller und Osendorfer ihren Kindern und Enkeln zu berichten, dass sie bis in die 1930er Jahre mit Sinti-Kindern zeitweilig in eine Schulklasse gegangen waren. Als junge Leute suchten sie bei ihren Streifzügen des Öfteren die Leichenhalle auf, da deren Fenster bei bestimmtem Lichteinfall den Blick auf einen weißen Eichensarg bot. Dieser Sarg hat am Kopfende sogar ein kleines Glasfester. Da Naunis Enkel aus nicht bekannten Gründen früh starben, stehen in der Halle weitere zwei Kindersärge. Schon damals kursierte die Geschichte, dass hier ein berühmter „Zigeunerkönig“ bestattet sei. Laut Hobby-Heimatforscher Manfred Döll habe es einen „Zigeunerkönig“ in dem Sinne aber nicht gegeben. Nauni war, wie Wladosch, Pferdehändler aus Österreich, zudem Anführer seines Stammes.

(Foto: Gabriele Bräunig)

Vom Radeweller Friedhof ist nicht viel übrig geblieben: Die verbliebene denkmalgeschützte Kapelle ist das einzige Gebäude, das Sinti in Mitteldeutschland erbaut haben sollen. Diese kleine Leichenhalle mit Stammeszeichen über dem Eingang und zwei Löwenkopf-Reliefs neben der Einganstür befindet sich in einem traurigen Zustand, den auch die Enkelin von Josef Weinlich, Anna Weinlich, sowie sein Urenkel Henk aus Holland bei einem Besuch im Sommer 2001 beklagten. Henk hatte über das Grab auf der Osendorfer Internet-Seite gelesen; die zu dem Zeitpunkt 80-jährige Anna ahnte vorher bereits, dass die Ruhestätte in Halles Osten liegen müsse. Ihr Leben lang hatte sie Sehnsucht nach dem Ort ihrer Vorfahren. Anna Weinlich und alle ihre Verwandten wurden zur Zeit des Faschismus in Konzentrationslager verschleppt. Sie hat überlebt, in Holland geheiratet und mehrere Kinder geboren.