Trutziges Mahnmal am Ufer der Saale

Ungewisse Zukunft für die Böllberger Mühle – Bereits 987 als Schiffsmühle erwähnt

Im südlichen Teil von Halle findet man entlang der Saale viele Industriedenkmäler, die seit Jahren auf eine andere, sinnvolle Nutzung warten – zum Beispiel das Gaswerk Holzplatz, die Freyberg-Brauerei oder die Engelhardt-Brauerei. Andere fielen bereits der Abrissbirne zum Opfer, wie die ehemalige Schokoladenfabrik Most. Weithin sichtbares Zeichen des halleschen Industriezeitalters ist immer noch die Böllberger Mühle, die mit ihrem 38 Meter hohen Turm die Silhouette der Südstadt prägt.

Böllberg zählt wohl zu den ältesten Mühlenstandorten Mitteldeutschlands. In einer Urkunde Kaiser Ottos III. von 987 ist eine Schiffsmühle in Böllberg erwähnt, die einem „Adelichen Geschlecht der Prowen oder Pruven … gehöret“. Später wurde sie an das Kloster Neuwerk veräußert, das im 13. Jahrhundert mit zehn Mühlen in der Region das Mühlenmonopol besaß. Nach der Auflösung des Klosters durch Kardinal Albrecht im 16. Jahrhundert wurde die Böllberger Mühle dem Amt Giebichenstein zugeschlagen.

Das technische Denkmal verfällt seit vielen Jahren. (Foto: Manfred Orlick)
Das technische Denkmal verfällt seit vielen Jahren. (Foto: Manfred Orlick)

Auch danach erlebte die Mühle eine wechselvolle Geschichte. Zwar überstand sie den 30-jährigen Krieg relativ unbeschadet, aber 1785 wurde sie durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogen. Das 19. Jahrhundert war gekennzeichnet durch einen mehrmaligen Besitzerwechsel. 1821: Königlicher Amtsrat Ludwig Remigius Bartels, 1845: Kröllwitzer Papierfabrikant Albrecht Ludwig Keferstein, 1858: badischer Mühlenbesitzer Louis Hildebrand. 1863/1864 errichtete Hildebrand einen modernen Neubau. In der Nacht zum 18. Juli 1875 brannte die Mühle völlig aus. Aber schon im folgenden Jahr konnte der Mühlbetrieb wieder aufgenommen werden. 70 Tonnen Weizen und 40 Tonnen Roggen wurden hier täglich verarbeitet und die ganze Stadt mit Mehl versorgt. Durch ständige Erweiterung bis 1896 erhielt die Mühle ihre heutige Form aus Backstein. Verschiedene Wohn- und Nutzbauten, die um einen schmalen, über 100 Meter langen Hof gruppiert waren, vervollständigten die Mühlenanlage. 1900 erfolgte dann der Anschluss an die hallesche Hafenbahn. Zum Wahrzeichen des ganzen Komplexes wurde der Wasserturm, in dem sich in den obersten Etagen ein großer Wasserbehälter für die Sprinkleranlage befand. Zwischen 1927 und 1932 fanden noch einmal Modernisierungsarbeiten und Baumaßnahmen an den Gebäuden statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zur Verstaatlichung der Großmühle. Bis 1972 erfolgte der Weiterbetrieb zur Herstellung von Mischfutter. Durch die veraltete Technik war jedoch der langsame Niedergang vorprogrammiert. Zwischen 1975 und 1990 wurde ein Teil der Gebäude (Kontor und Fabrikantenvilla) als Kindergarten und später als Kinderheim „Clara Zetkin“ genutzt. 1988 erfolgte dann der Schutzstatus als technisches Denkmal.

Nach der Wende entstand die Idee einer Freizeitnutzung (Diskothek, Theater, Kindergarten), doch mehrere Großbrände haben diese Bemühungen immer wieder zunichte gemacht. Vor ein paar Jahren wurde der Dornröschenschlaf durch Maschinengewehrfeuer und russische Panzer unterbrochen, denn die Ruine diente als Filmkulisse für Kampfszenen aus dem Zweiten Weltkrieg. Daher auch einige kyrillische Schriftzüge an den Gebäuden.

Wie durch ein Wunder überstand der Turm alle verheerenden Brände – allerdings nur als Skelett. Wie ein trutziges Mahnmal ragt er am Ufer der Saale aus einem völlig maroden Gebäudekomplex. Was wird die Zukunft für dieses technische Denkmal der halleschen Industriegeschichte bringen? Abriss oder Investoreninteresse? Immerhin gibt es Vorstellungen zum Bau von Werkstätten, Büros und Loft-Wohnungen, und die wohl noch vorhandenen Turbinen könnten Ökostrom liefern.