Redaktion Halle

WeltbürgerInnenpass im Gepäck

„Hotel global“ in Franckes Stiftungen – Suche nach Antworten für Zukunft der Menschheit

Grenzenlos reisen, überall auf der Welt lernen, studieren, arbeiten, Freunde finden. Zu allen Jahreszeiten exotisches Obst und Gemüse essen. Preiswert Jeans, T-Shirts, Sportschuhe oder Spielwaren kaufen. All dies und noch viel mehr sind die „Segnungen“ der Globalisierung vorwiegend für die Menschen der westlichen Welt. Doch machen wir uns eigentlich auch ab und zu Gedanken darüber, zu welchem tatsächlichen Preis wir diese ständig verfügbaren und oft (zu) billigen Lebensmittel, Konsumgüter und Dienstleistungen bekommen?

Welchen Anteil haben wir an den zum Teil katastrophalen Arbeitsbedingungen beispielsweise in Pakistan, Malaysia, in der Türkei, auf den Philippinen oder in China? Wie fair beziehungsweise unfair wird das farbige Zimmermädchen in Kenia oder auch bei uns in Deutschland bezahlt? Wie viel Schuld trifft uns selbst an der Zerstörung des Regenwaldes, der Ausrottung zahlreicher Tier- und Pflanzenarten, am Klimawandel? Und wie können wir kleinen und großen Verbraucher etwas Zukunftsweisendes tun – und sei es „nur“ durch veränderte Einkaufsgewohnheiten, Öko-Projekte vor unserer Haustür oder politisches Engagement vor Ort für mehr Gerechtigkeit in der Welt?
Diese Fragen versucht derzeit die sehr aufwändig und liebevoll gestaltete Ausstellung „Hotel global“ im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen (Franckeplatz 1) realitätsnah, bunt, interaktiv und somit sehr lebendig zu beantworten. Noch bis zum 11. August können Kinder, Jugendliche sowie Familien dienstags bis sonntags kostenfrei im erlebnisreichen „Hotel global“ einchecken, sich mit der spannenden Arbeit beziehungsweise ehrenamtlichen Tätigkeit von namhaften internationalen Gästen, die hier in zehn Hotelzimmern logieren, befassen und sich zu den oben genannten Themen fundiertes Wissen aneignen. Die Franckeschen Stiftungen sehen sich laut Susanna Kovács selbst als Vorreiter einer globalisierten Welt, denn die Einrichtung spann bereits vor knapp 300 Jahren Kontakte nach Indien und Amerika.

Susanna Kovács vom „Krokoseum“ in den Franckeschen Stiftungen im Hotel-Shop des „Hotel Global“. (Foto: Gabriele Bräunig)

Im „Hotel global“ geht es sehr digital zu, man kann sich jedoch gleichermaßen aktiv einbringen und Dinge ausprobieren – in jedem Hotelzimmer. Und am Ende des Besuches in einem Zimmer werden die Mädchen und Jungen stets aufgefordert, zwischen mehreren Verhaltensweisen zu den genannten Themen zu entscheiden, im besten Fall verantwortungsvoll Stellung zu beziehen. Wertungen oder gar Vorwürfe gibt es nicht; es zählt allein der Lerneffekt.
So berichtet zum Beispiel die Schirmherrin der Ausstellung, die weltberühmte britische Verhaltensforscherin Dr. Jane Goodall, in ihrem als Urwald gestalteten Zimmer Nr. 10 per Bildschirm über ihren jahrzehntelangen Kampf zum Erhalt des Lebensraumes der Schimpansen in Tansania. Leidenschaftlich fordert sie die junge Generation dazu auf, heute besonders bedrohte Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren.

Der österreichische Chocolatier Josef Zotter erklärt im Hotelzimmer Nr. 3, einer hübschen kleinen Küche, wie man ökologisch und fair Nahrungsmittel kaufen plus zubereiten kann. Er animiert zudem die Besucher, selbst Schokolade herzustellen, den Tisch mit Geschirr verschiedener Kulturen zu decken und mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

Mischa Richter aus dem Kapitänszimmer Nr. 5 weiß, dass auf ein Frachtschiff bis zu 10.000 Container passen und jeder von ihnen etwa 1.000 Euro kostet. Was er überhaupt geladen hat, wenn er von Hamburg aus in die Welt fährt oder Waren nach Deutschland transportiert, weiß er meist nicht. Und gewiss auch nicht, wie viel Geld der Reeder davon behält und wie viel Lohn er wegen des Dumpings in dieser Branche dem philippinischen Billigarbeiter zahlt. Überhaupt, so Susanna Kovács vom „Krokoseum“ in den Franckeschen Stiftungen, gelte der Container heutzutage als das Symbol für die Globalisierung, weil er mobil und billig sei sowie nicht selten als unwürdige Unterkunft für Flüchtlinge diene.

Mit den super-billigen Herstellungskosten für preiswerte oder auch teure Kleidung sowie Schuhe und demzufolge den super-hohen Gewinn-Margen der Unternehmen und Verkaufsketten kann man sich im Hotel-Shop beschäftigen sowie im Zimmer 6 der französischen Fotografin Chaterine Balet. Sie fordert vor allem junge Leute auf, bewusster Kleidung zu kaufen beziehungsweise ältere T-Shirts, Kleider und so weiter bunt zu mixen oder selbst mit schmückenden Accessoires originell aufzuwerten. In ihrem Fotostudio kann man das an Beispielkleidung ausprobieren und sich in neuem Look ablichten lassen.

Einem moralischen, nicht ganz einfach zu entscheidenden Problem muss sich der Besucher in Zimmer 4 widmen, in dem Fatima, das marokkanische Zimmermädchen, auf engem Raum mit spärlicher Habe lebt. Sie steht wohl exemplarisch für all die Billig-Beschäftigten auf der ganzen Welt. Denn Fatima bekommt wenig Lohn für ihre Arbeit, in diesem Fall am Standort Deutschland. Ist das zutiefst unfair? Oder fand Fatima zu Hause keine Arbeit und hat damit wenigstens überhaupt eine Arbeit und so die Möglichkeit, finanziell zum Auskommen ihrer Familie beizutragen? Jeder kann sich dazu eigene Gedanken machen …
In Zimmer Nr. 9 verfolgt ein evangelischer Pfarrer eine ganz eigene, moderne Vision von religiösem Leben: Gregor Hohberg baut in Berlin mit zahlreichen Unterstützern aus der zivilen Gesellschaft eine multi-religiöse Kirche auf, die er „House of one“ nennt. Dass keine der Religionen dieser Welt besser oder schlechter sei als die andere, sondern jede eben einfach nur anders, belegt er mittels der Ringparabel in „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing.
Und wer kennt nicht Felix Maximilian Finkbeiner, den 1997 in München geborenen Initiator der Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-planet“! In seinem Kinderzimmer Nummer 1 zeigt der im Jahr 2007 Zehnjährige anhand von in Einweckgläsern wachsenden Pflanzen an den Wänden Kindern auf faszinierende Weise, wie einfach es ist, in jedem Land der Welt eine Million Bäume zu pflanzen. Denn sie brauchen nur wenig zum Gedeihen: Erde, Sauerstoff und Feuchtigkeit. (Übrigens pflanzte Felix‘ Initiative bereits nach drei Jahren ihren Millionsten Baum!)

Am Ende des Kennenlernens all der beeindruckenden internationalen Gäste des „Hotels global“ und deren Ausführungen zu den brennenden Problemen dieser Welt wird jeder Besucher mit folgender Frage konfrontiert: Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben auf dieser Erde? Und: Wie können wir sie gemeinsam lebenswert erhalten – für unsere und künftige Generationen? Im Zimmer 11 des Hotels dürfen die Kinder und Jugendlichen ihre ganz individuellen Antworten darauf geben. Und man ist erstaunt, wie klar und einfach die auf den bereits zahlreich beschriebenen Karten festgehaltenen Zukunftsträume der heutigen jungen Generation ausfallen: Kids und Teens wünschen sich vor allem eine friedliche, gerechte, tolerante und umweltfreundliche Welt.

Wer zunächst Zeit und Ruhe zum Nachdenken über das in der Schau Gesehene und Gehörte benötigt, der ist eingeladen, sich in gemütliche Kissen auf dem Fußboden von Zimmer Nr. 11 sinken zu lassen und die dort installierte wunderschöne, leuchtende und sich im Gleichklang des Universums stetig drehende Erde zu bestaunen. In den Händen den WeltbürgerInnenpass, den jeder Besucher zu Beginn seiner Hotel-Tour erhält, darf man sich dann auch als solcher fühlen – klüger als vorher, mächtig inspiriert und aufgeladen mit vielen Visionen für die Zukunft. Entsprechend des motivierenden Resümees von Dr. Jane Goodall „Du kannst etwas verändern, jeden Tag und zu jeder Zeit.“

Initiiert wurde die interaktive Wanderausstellung für Kinder, Jugendliche und Familien durch das Alice – Museum für Kinder im FEZ Berlin und das Erwin Scharff Museum in Neu-Ulm, in Kooperation mit dem ZOOM Kindermuseum Wien sowie dem Kindermuseum Frida und freD in Graz. In der Saalestadt wird sie weiterhin gefördert durch den Bund, das Land Sachsen-Anhalt sowie die Saalesparkasse.
Führungen für Schulklassen finden in Halle von Dienstag bis Freitag jeden Vormittag für je 90 Minuten statt. In den Osterferien können Gruppen ebenso zu diesen Tageszeiten einchecken.

Weitere Informationen zur Ausstellung sowie Öffnungszeiten und Eintrittspreise im Internet: www.francke-halle.de