Redaktion Halle-Nord

„Wir sehen, was die Natur besser kann“

Anwohner, Vereine und Initiativen gegen Zerstörung des Trothaer Wäldchens

Am Abend des 2. April trafen im Trothaer Wäldchen zum wiederholten Male Menschen aufeinander, die sich eigentlich ähnlichen Aufgaben verpflichtet fühlen und scheinbar doch aus zwei völlig unterschiedlichen Welten kommen: Der Arbeitskreis Hallesche Auenwälder (AHA) hatte, gemeinsam mit der Initiative Pro Baum, zu einer Protestdemonstration durch das Wäldchen aufgerufen; und Landschaftsplaner Helge Dreher von der halleschen dsi (dreher+sudhoff ingenieurplanung) als Auftragnehmer der Deutschen Bahn war ebenfalls zu dem Vororttermin erschienen.

Es ging um die Abholzung beziehungsweise Ringelung von 2.500 Robinien in dem etwa 8,5 Hektar großen städtischen Gebiet, das als Ausgleichsfläche für die Zugbildungsanlage am Hauptbahnhof umgestaltet werden soll. Rund 15 Teilnehmer waren dem Demo-Aufruf gefolgt. Vertreter der Stadt sowie Kommunalpolitiker erschienen nicht.

Eher zufällig entdeckte ein Anwohner vor ein paar Monaten, als er im Trothaer Wäldchen spazieren ging, dass Arbeiter dort an alten Bäumen „herummanipulierten“. Er fragte, was sie da täten und erhielt zur Antwort, dass sie den Auftrag hätten, Robinien zu roden und zu ringeln. Durch diese Beobachtung erfuhren auch andere Trothaer, was hier vorging – jedoch wusste niemand etwas von Plänen, Teile des Biotops zu zerstören. Die Waldarbeiten setzten sich fort; immer mehr Robinien fielen der Säge zum Opfer oder bekamen großflächige Wunden. Die Bürger, die an ihrem Wäldchen als Naherholungsort seit Jahrzehnten hängen, fühlten sich uninformiert, nicht einbezogen, vor vollendete Tatsachen gestellt. Da half auch die Anmerkung von Helge Dreher Anfang April nichts, dass die Unterlagen dazu vor etwa zehn Jahren mal in der Stadt ausgelegen hätten. Ebenso nicht die Beschwichtigung, dass man statt der eigentlich geplanten 5.000 Robinien jetzt nur 2.500 Bäume gerodet beziehungsweise geringelt habe.

Am Aufruf von Bündnis 90/Die Grünen, symbolisch Strickmäntelchen für die verwundeten Robinien zu fertigen, beteiligten sich unter anderem Mädchen und Jungen des Kulturellen Kinderfreitisches der Franckeschen Stiftungen. (Foto: Gabriele Bräunig)

Völliges Unverständnis dafür, überhaupt derart in ein natürlich gewachsenes, intaktes Biotop mit großer Artenvielfalt einzugreifen, äußerte Andreas Liste, der erste Vorsitzende des AHA, immer wieder während der Begehung des Trothaer Wäldchens, das sich zwischen Karl-Ernst-Weg, Verlängerter Mötzlicher Straße und Am Hang sowie östlich der Bahnstrecke Halle-Hannover befindet. Zumal das 85.000 Quadratmeter große ehemalige Bergbau-Areal einen vielfältigen Gehölzbestand aufweise, der sich sukzessiv verjünge plus Rückzugsgebiet für zahllose schützenswerte Tiere wie den bedrohten Rotmilan sei. „Wir sehen hier, was die Natur besser kann“, meinte Liste und machte darauf aufmerksam, dass die vorhandenen, wenn auch nicht einheimischen Robinien als Pioniergehölze wenigstens den heißen und trockenen Sommer 2018 überstanden hätten und für viele Insektenarten üppige Futterquelle seien. Eugen Dreher schilderte während der Besichtigung der entstandenen Schäden anhand eines Übersichtsplanes, was die Deutsche Bahn an Umgestaltungsmaßnahmen in dem Wäldchen vorhabe und versicherte unter anderem, dass man die Artenvielfalt dort erhalten und 10.000 Bäume neu in dem Gebiet ansiedeln wolle – vorwiegend Eichen und Weiden. Diese benötigten Licht zum Wachsen und so müsse man eben invasive Arten wie die Robinia pseudoakacia entfernen. Man beabsichtige auch nicht, im gesamten Wald Robinien zu roden beziehungsweise zu ringeln, damit sie langsam abstürben. So sollen im Norden und Südwesten kleinere Flächen erhalten und gepflegt, Waldmantelpflanzungen angelegt sowie Wildschutzzäune errichtet werden. Im Gebiet des Rotmilans sei kaum Lärm zu verzeichnen, dieses werde nicht angetastet.

Laut Andreas Liste bestehe gar keine Notwendigkeit, dort massenhaft Eicheln zu säen, da der Standort für Eichen scheinbar gar nicht geeignet sei, denn sie hätten sich bisher dort auch nicht natürlich verbreitet. Zudem seien viele Eichen im letzten Sommer verbrannt, und man müsse mit weiteren heißen Sommern rechnen. „Die Deutsche Bahn hat auch andere Meinungen – beispielsweise vom Naturschutzbeirat der Stadt sowie vom NABU – eingeholt, und diese haben die Maßnahmen ausdrücklich begrüßt“, argumentiert Landschaftsplaner Dreher. Außerdem plane man, Müll aus dem Gebiet zu entsorgen, die verlassenen, verfallenen Gartenanlagen zu entrümpeln sowie dort Bäume zu pflanzen.
Andreas Liste, der vom Baumschulfach kommt, und die anderen Baumschützer überzeugten die Ausführungen des Planungsbüros lediglich im letzten Punkt. Der Preis für die massive Umgestaltung, vor allem die Vernichtung der Robinien, sei jedoch einfach zu hoch. Der AHA-Chef: „Man soll die Natur einfach so lassen, wie sie ist. Das kostet kein Geld und macht auch keine Arbeit. Mir ist ein Baum lieber, wenn er natürlich abstirbt und nicht gerodet wird. Die Vorstellung, die Robinie bekämpfen zu können, ist unrealistisch. Schon die Versuche zu DDR-Zeiten, zum Beispiel den Weißdorn zu vernichten, sind misslungen.“ Bereits im Jahr 2008 hätte man zudem gegenüber der Stadt einen Vorschlag zur Errichtung einer Streuobstwiese in der Nähe der Fasanerie westlich des Seebener Busches vorgebracht; dies wäre als Ausgleich für die Zugbildungsanlage wesentlich vernünftiger gewesen, so Liste. Man solle sich lieber Gedanken machen über die zerstörerische Nutzung eines Teiles des Gebietes durch Mountainbiker, gibt er zu bedenken.

Melanie Ranft, Stadträtin und Stadtvorsitzende Bündnis 90/Die Grünen Stadtverband Halle, meint zu dem ganzen Thema, inklusive ihrem sowie Wolfgang Aldags Aufruf zu der Strickmäntelchenaktion Mitte Februar im Wäldchen: „Bei den Baummäntelchen handelt es sich um eine symbolische Aktion, die auf das – aus meiner Sicht unnötige – Abholzen des Trothaer Wäldchens aufmerksam machen soll. Eine Aktion, die mehr Lust und Laune an der Natur, am Wald machen soll. Die zum Nachdenken darüber anregen soll, dass der Verlust des Trothaer Wäldchens erstmal ein großer wäre. Gerade für die Jugendlichen, die mit ihren Fahrrädern hier im Wäldchen unterwegs sind und für die Spaziergänger, die hier durchschlendern, würde ein Stück Lebensqualität verloren gehen.“ An der Aktion beteiligten sich neben den beiden Grünen auch Mädchen und Jungen des Kulturellen Kinderfreitisches der Franckeschen Stiftungen mit seiner Vorsitzenden Anne Müller-Bahlke. Andere Trothaer haben versucht, die Wunden der geringelten Robinien durch das Bestreichen mit Ton zu schützen.

Im Herbst soll es nun weitergehen mit den Umgestaltungsmaßnahmen im Trothaer Wäldchen. Dann werden noch einmal rund 250 Robinien geschält, der Rest der Waldarbeiten werde geprägt sein von Müllberäumung, Bekämpfung des wuchernden Knöterichs und die Aufforstung durch Eichen und Weiden, so Eugen Dreher. Den Grünen, Andreas Liste vom Arbeitskreis Hallesche Auenwälder und der Initiative Pro Baum wäre es am liebsten gewesen, wenn die Zerstörung des Biotops im Norden von Trotha gar nicht erst begonnen hätte. Nun hat sie allerdings bereits viel zu viel Fahrt aufgenommen. Die Sache ist also verzwickt, und eigentlich ahnen die Trothaer Bürger schon, dass sich trotz ihrer Proteste sowieso wieder nichts an den Plänen ändern wird. Resignation macht sich breit. Das wurde schon durch die gesunkene Zahl der Protestler Anfang April im Gegensatz zu einer ersten Begehung Ende Januar deutlich. Zum Abschluss des letzten Protesttreffens erwog man jedoch, trotzdem eine Petition an den Bundestag gegen weitere Eingriffe im Trothaer Wäldchen auf den Weg zu bringen.